Mittwoch, 30. Oktober 2013

... in Indien (#13)

Kleine Rundreise, Blutegel und alte Kirchen
 
Am Mittwochmorgen holte Referent Luke uns ab und wir verbringen den Tag wieder mit sechs Mitgliedern unserer Gruppe und mit Referend Luke und Referend Roy. Zunächst besuchen wir zwei touristische Attraktionen, deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe. Angeblich sind sie in vielen Bollywood-Filmen zu sehen, weshalb ein Video-Dreh dort 500 Rupie kostet, richtige Filmaufnahmen 5000. Zum Glück ist Fotografieren kostenlos, doch außer viel Nebel um die sanften, runden, mit Gras bewachsenen Hügeln ist auch nicht viel zu sehen. Gut, außer Kühen und Unmengen von Müll, der achtlos in die Hecke geworfen wurde. Hierher kommen hauptsächlich inländische Touristen und uns drängt sich der Verdacht auf, dass man inner-indische Sehenswürdigkeit immer daran erkennt, dass rundherum alles wild zugemüllt ist.
Wir besichtigen später noch Genossenschafts-Teefabrik und genießen das »Cruisen« mit den beiden Referends. Schließlich besuchen wir auch heute wieder eine Kirche und deren Referend mit dessen Familie. In der Kirche ergriffen Referend Luke die Handtrommel, die Frau des örtlichen Pastors die Marschtrommel und zusammen mit Roys hingebungsvollem Gesang boten die drei uns ein eindrucksvolles Mini-Konzert. Der Referend und seine Familie leben in einem bescheidenen Haus neben der Kirche ein, für unsere Verhältnisse kaum eine Gartenlaube, in der das Bett hochkant an die Wand gestellt wurde, damit die deutschen Gäste sich setzen können. Reich werden die Pfarrer hier in Indien sicher nicht und dabei sind die, die wir kennengelernt haben, teils von morgens fünf bis kurz vor Mitternacht im Gemeindedienst. Trotzdem bietet man uns auch wieder den indischen schwarzen Tee mit Milch (Chay) an und allerlei Snacks. Wieder mit viel frischem Obst, darunter auch ein wirklich frischer, reifer Granatapfel, den Referend Roy fachgerecht zerlegt und unter uns aufteilt. Auch ich, der sich sonst kein Freund von Granatäpfeln bin, vertilge noch ein zweites Stück. Trotz der ärmlichen Verhältnisse erleben wir erneut eine große Gastfreundschaft und sehen nur lachende Gesichter.

Bevor Luke uns wieder bei unserem Gastgeber ablieferte, zeigte er uns noch »seine Kirche« in Pallikkunnu. Ein Gotteshaus im schottischen Stil, noch aus der Kolonialzeit, mit fast 150 Jahren eine der ältesten Kirchen Keralas. Auf dem Friedhof davor sind zwei Arbeiter gerade dabei, die Gräber zu restaurieren. Damals wurden Engländer und Einheimische noch getrennt voneinander beerdigt. So ganz vereint im Glauben waren sie dann vielleicht doch noch nicht. Die Grabsteine damals seien aus Deutschland importiert worden, erzählt uns der Lokalhistoriker, sie hätten einfach die bessere Qualität gehabt.
Abends schließlich entdeckt Eberhard auf seiner Hose rote Flecken und vermutet, sich mit den Granatapfelstücken bekleckert zu haben. Er verschwindet im Bad und kurz darauf ertönt ein Schrei und Eberhard zeigt mir seine Wade. Ein alter »Freund« aus den feuchten Wiesen: ein Blutegel. Die roten Flecken waren von innen gekommen und die Stelle, wo der Parasit seinen gerinnungshemmenden Speichel abgesetzt hatte, wollte nicht aufhören zu bluten. Schließlich half ein gutes altes Pflaster.

Sonntag, 27. Oktober 2013

... in Indien (#12)

Teeplantagen und Gewürzstadt Kumili zum Zweiten
 
Am Dienstag trifft sich unsere ganze Gruppe »bei uns« (Eberhard und mir) auf der Teeplantage. Obwohl wir uns gerade mal einen Tag nicht gesehen haben, ist es herzliches Wiedersehen.
Gemeinsam absolvieren wir noch einmal das Besichtigungsprogramm, das Eberhard und ich bereits am Tag zuvor hatten. Nur der Teil Wald rund um den Stausee mit Sahu entfällt.
Die Gruppe erfährt nun, was wir am Tag zuvor schon gehört haben: Zu unserer Verwunderung sind die Teesträucher eigentlich Teebäume, die durch Beschnitt wie ein Bonsai auf Hüfthöhe gehalten werden. Sie werden bis zu 100 Jahre alt, wobei nach 70 Jahren die Qualität des Tees nachlässt. Für den Tee werden nur die oberen fünf Blätter der frischen Triebe geerntet. Die ersten vier bis fünf Jahre erfolgt die Ernte per Hand, danach mit einer Art Heckenschere. Doch auch hier hält der Fortschritt Einzug. Die neuen Plantagen werden so gepflanzt, dass die Sträucher nicht mehr scheinbar »wild durcheinander« wachsen, sondern in geraden Reihen. Diese kann man später mit einer speziellen Motorsense abernten. Wie sich an den Heckenscheren ein Auffangkorb befindet, hat die Motorsense einen über zwei Meter langen Auffangsack und wird von zwei Männern geführt.
Nach dem Mittagessen entschließen wir spontan nach Kumili zu fahren, der Gewürzstadt nahe des Grenzpasses, die bei unserem ersten Besuch wegen eines Streiks geschlossen war. Heute haben die Geschäfte alle geöffnet und wir decken uns wieder mit Gewürzen und Schokolade aus frischem Kakao ein. Also die Damen decken sich wieder mit Gewürzen ein. Was sie mit den Gewürzen von letzter Woche zwischenzeitlich angestellt haben, weiß ich nicht. Was ich mit der Schoki angestellt habe, dagegen schon.
 
Auf dem Rückweg teilt sich unsere Gruppe in zwei Hälften. Wir fahren zu viert mit
Referend Luke eine abgelegene Kirche besuchen. Der Pfarrer dort bietet uns Tee und einen Snack an, wie immer hier in Indien. Stolz zeigt er uns seine Familie, seine Ziegen, sein Hund, seine Hühner und seinen Dachgarten auf der Garage. Der Lohn ist wohl nicht besonders üppig und der nächste Laden ist weit, sodass der Pfarrer größtenteils Selbstversorger ist.
Danach geht es nach Einbruch der Dunkelheit zurück in unsere Kolonial-Villa in den Teeplantagen.

... in Indien (#11)

Der erste Tag im Tee
 
Auf dem Anwesen von Familie King inmitten der Teeplantagen beginnt unsere zweite Woche in Indien. Vor wenigen Tagen an unserem eigentlichen Ziel East Kerala angekommen, wurde unsere 10-köpfige Gruppe auf fünf kleine Teams aufgeteilt, die in verschiedenen Familien das Leben in Indien kennenlernen dürfen.
Mit Bediensteten, die den Fünf-Uhr-Tee servieren sind Eberhard Hampel und ich nicht unbedingt in dem Indien, das wir sehen wollen, doch gehört eben auch dies zum Subkontinent. Die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Teams werden am Ende der Reise zusammengetragen.
Wiegen der Tee-Ernte am Straßenrand
Nach dem Frühstück starten wir am Montagmorgen zu einer Besichtigung der Kardamom-Manufaktur und werden dann von unserem Fahrer Simon in die Teefabrik gebracht, in der wir eine Privatführung genießen. Wieder im Jeep zeigt uns Simon einen Teil der etwa 1 000 Hektar großen Plantage, auf der nicht nur Tee, sondern auch Pfeffer, Kardamom, Kakao und Kaffee wächst. Vanille würde hier auch wachsen, die Flächen werden derzeit jedoch anders genutzt, da der Marktpreis für Vanille derzeit einfach zu niedrig ist.
Tief in der Plantage treffen wir Sahu, der ab jetzt die Führung übernimmt. Eberhard und mich begeistert wiederum die Begeisterung, mit der Sahu uns vieles zu den Pflanzen, der Plantage und den Tieren erzählt. Wir essen Pfeffer direkt vom Strauch und Kardamom und naschen auch ein Stück Rinde, dass Sahu uns von einem Baum kratzt. Der Geschmack kommt uns bekannt vor, wir können ihn aber nicht zuordnen, unser indischer Begleiter kennt nur den englischen Namen und der sagt uns nichts.
Am Staudamm der Plantage treffen wir drei Männer, die dort ihr Lager aufgeschlagen haben, um zu fischen. Sie laden uns bald ein, eine Runde auf ihrem Bambus-Floß zu drehen. Ich lehne dankend ab, Eberhard, als alter Kanute, ist aber sofort dafür zu haben. Er schlägt sich auch sehr wacker und wäre erst beim Aussteigen fast noch baden gegangen.
»Check your legs!« sagt Sahu immer wieder zu uns und als wir ihn fragend anblicken greift er mehrmals wahllos ins Gras und hat jedes Mal einen sich windenden Blutegel zwischen den Fingern. Eberhard und ich checken jetzt ständig unsere Legs. Aber alles geht gut, keine blinden Passagiere im Jeep.
Am Nachmittag beenden wir unser Programm mit einem kleinen Spaziergang durch die Teeplantagen, beobachten und fotografieren die Teepflückerinnen, genießen die Landschaft, bei angenehmen 20 bis 25 Grad.

Samstag, 26. Oktober 2013

... in Indien (#10)

Konfirmation und Beerdigung auf keralesisch
Die Rückseite der kleinen  Bergkirche, in der wir eine
Konfirmation und eine Beerdigung erleben durften.

Bereits um sechs Uhr morgens saßen wir am Sonntag im Bus mitsamt unserem Gepäck. Denn nach dem Tagesprogramm sollten wir vorerst nicht mehr in das Bischofshaus zurückkehren, sondern wurden in unsere Gastfamilien gebracht.
Doch zuvor warteten noch neun junge Menschen auf uns, die heute ihre Konfirmation feiern sollten. Nach knapp zwei Stunden über serpentinenreiche Bergstraße im unendlichen Grün kamen wir an einer kleinen Kirche an einem Berghang an. Wir frühstückten kurz und zogen als Gefolge des Bischofs in den Gottesdienst ein.
Bischof K. G. Daniel (Mitte) beim Konfirmationsgottesdienst
mit den deutschen Pfarrern Thomas Philipp (li.) und
Eberhard Hampel (re.).
Mit knapp unter drei Stunden war dieser Konfirmationsgottesdienst sehr kurz, für indische Verhältnisse. Die Lieder, welche die Inder voller Inbrunst und laut singen, klingen für unsere europäische Ohren fremd aber sehr angenehm. Interessant war es auch die Melodie von Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« mit einem Text auf Mayalayam zu hören, der hier vorherrschenden Sprache.
Eberhard Hampel hatte die Ehre, in diesem Gottesdienst zu predigen. Sein englische Predigt, mit der Botschaft Grenzen zu überwinden, wurde von Referend Jacob in die Landessprache übersetzt. Unsere Gruppe trug mit zwei Gesangs- und zwei Flötenstücken zum Gelingen des Gottesdienstes bei.
Am Tag zuvor war ein 45-jähriger Familienvater an Herzinfarkt gestorben und sollte im Anschluss an die Konfirmation beerdigt werden. Uns wurde angeboten, dies zu beobachten. In Indien werden die Verstorbenen teils noch am Tag ihres Todes, spätestens am folgenden beerdigt. Der lange Trauerzug zur Kirche, der im offenen Sarg aufgebahrte Tote, umringt von seiner Familie war für uns ein tiefgreifendes Erlebnis. Auch die offene Art, mit der die Menschen mit ihrer Trauer umgehen, sie nicht zu verstecken suchen und neben dem Sarg weinen oder auch gelegentlich ihren Schmerzen mit einem erstickten Schrei zu lindern versuchen, war für uns alle sehr bewegend. Als der Gottesdienst sich seinem Ende näherte und die Träger näher kamen, um den Sarg nach draußen zu bringen, begannen die Angehörigen ihren Sohn, Mann, Vater, Bruder, Onkel zum Abschied noch einmal zu küssen und zu streicheln. Die Mutter, so schien es, wollte ihren Sohn nicht gehen lassen und musste vom Sarg weggezogen werden.
Wir warteten schließlich vor der Kirche, während der offene Sarg mit dem Toten zum benachbarten Friedhof getragen wurde, um dort begraben zu werden. Plötzlich gab es Aufregung unter den Trauergästen. Von sechs Frauen getragen, wurde die Witwe vor die Kirche gebracht. Sie war am Grab zusammengebrochen und nun schnell in einem Jeep ins Dorf gebracht.
Auf der anschließenden Fahrt zum zweitgrößten Staudamm Asiens in Idukki erklärte uns Thomas Philipp, der bei der Beerdigung einige Worte gesprochen hatte, eine Aufgabe um die ihn niemand beneidete, die Situation der Witwe. In der Hindu-Gesellschaft wäre diese Frau nun ohne Halt gewesen. Eine zweite Heirat käme für sie nicht in Frage, weil kein Hindu-Mann die Witwe mehr ehelichen würde. Denn dadurch, dass ihr Ehemann verstorben war, war sie für Hindus mit einem Fluch belegt, der auch alle späteren Ehemänner heimsuchen würde. Hier ist es nun an den Christen, zu zeigen, dass sie gegen die Hindu-Tradition ihres Landes besser handeln, und der Witwe einen Platz in ihrer Gemeinde geben.
Der Idukki-Staudamm war bis zum Bau des Drei-Schluchten-Dammes in China der größte seiner Art in Asien. Durch die lang anhaltende Regenzeit in diesem Jahr, ist er bis zum Rand gefüllt und wird ständig kontrolliert. Auch hier werden die politischen Querelen zwischen den Staaten Indiens deutlich. Der Idukki-Damm wird von Kerala verwaltet und unter anderem aus einem weiteren, kleineren Staudamm gespeist, der zwar auf dem Hoheitsgebiet Keralas liegt, aber in der Verantwortung des Nachbarstaats Tamil Nadu steht. Noch von den Engländern gebaut, zeigt dieser langsam Risse und droht unter der Last der Wassermassen in diesem Jahr zu bersten. Dies würde bedeuten, dass auch der dahinter liegende Idukki-Staudamm dem Druck des Wassers nicht mehr würde standhalten können und sich eine unvorstellbare Flutwelle in die Täler Keralas ergießt. Deshalb fordert Kerala seine Nachbarn auf, nicht nur den gewonnenen Strom aus dem Staudamm abzuschöpfen, sondern endlich auch etwas für dessen Instandhaltung zu tun.
Nach einem letzten gemeinsamen Abendessen wird unsere Gruppe aufgeteilt, um jeweils zu zweit eine Woche bei indischen Familien zu verbringen. Spät abends bei Dunkelheit treffen auf dem Anwesen der Thomas Company ein, bei dessen Manager Peter King und dessen Familie (Ehefrau Ramona, Tochter Rachel, Sohn John) Eberhard und ich die nächsten Tage verbringen werden. Die Villa aus der Kolonialzeit mit vielen Bediensteten ist nicht das Indien, an das Eberhard und ich dachten, als wir die Reise antraten. Wir sind gespannt.

... in Indien (#9)

Ankunft in Madurai, Waschtag und erstes Kennenlernen
 
Der Samstag wurde zu einem ungeplanten Wasch- und Ruhetag. Nachdem Bischof Dr. Daniel uns den Tagesplan für Sonntag vorgelegt hatte, wussten wir diese Pause zum Durchatmen umso mehr zu schätzen.
Doch zunächst wurde nach dem Frühstück die Schmutzwäsche eingesammelt und durch das riesige Bischofshaus in das Waschzimmer gebracht. Dort fanden wir eine halbautomaische Waschmaschine vor, die uns von der Ehefrau des Bischofs Betty erklärt wurde. Die Wäsche wurde eingeseift, bevor sie in die Maschine kam und beim ständigen Wechsel der Wäsche zwischen Waschen, Trocknen, Spülen, Trocknen wurde der Boden langsam immer feuchter, und nachdem auch einige Spritzer Seife daneben gegangen waren, konnte ich unfreiwillig einige Runden Schlittschuh um den Einseiftisch fahren - oder besser gesagt Schlittfuß, den wir waren alle barfuß.
Während einer durch Stromausfall bedingten Waschpause hatte ich Zeit, mich mit Referend Joslin zu unterhalten. Dieser bestätigte uns, was wir bisher schon gehört hatten: Die Regenzeit in diesem Jahr will kein Ende nehmen und die starken Regenfälle werden zu einem echten Problem für die Bauern. Joslin befürchtet, dass es unter den Kleinbauern nun noch mehr Selbstmorde geben wird.
Auch bei unserem ersten Treffen mit dem Bischof, der bis dahin zu einer Konferenz in Kochi war, zeigte dieser uns Fotos auf seinem Smartphone von Erdrutschen, die halbe Dörfer weggerissen hatten. Die Folgen der andauernden Regenzeit bereiteten auch ihm Sorgen. Doch viel mehr als die Menschen zu besuchen, ihnen Trost zu spenden und ihre zerstörten Dörfer zu dokumentieren bleibt ihm nicht zu tun.

... in Indien (#8)

Aufbruch nach East Kerala
 
Die gepackten Koffer warteten bereits auf unseren Zimmern, als wir zu unserer letzten Tour vom Tamil Theological Seminary (TTS) aufbrachen. Denn nach unserem Besuch der Studenten im dritten Jahr, sollte es gleich weitergehen. Sie lebten auf dem Land (s. Tagesbericht von gestern), um etwas über nachhaltige Landwirtschaft und das Leben der Bauern zu lernen. Gemeinsam feierten wir einen Gottesdienst im Freien, wo wir anschließend auch zum Frühstück eingeladen wurden. Hierbei ergaben sich viele private Gespräche, bei denen es oft um die allzu menschlichen Unterschiede zwischen unseren Ländern ging.
Im Anschluss hatten die jungen Theologiestudenten ein Kulturprogramm vorbereitet und traditionelle indische Tänze einstudiert. Die jungen Frauen und Männer tanzten so voller Begeisterung für uns, dass wir sie unterbrechen mussten, um nicht aus unserem Zeitplan zu laufen. Hier im Osten, ist es bereits üblich, auch Frauen zu Pastoren zu weihen, selbst die erste Bischöfin gibt es hier schon. Im Westen, unserem Ziel Kerala gehen die Uhren jedoch noch anders.
Mit unseren Koffern starteten wir schließlich zu einer über siebenstündigen Busfahrt nach East Kerala. Schon weitem sahen wir hinter der trockenen Ebene die grünen Berge mit Wasserfällen. Diese Western Gates reichen von dort aus bis an die Westküste Indiens, in ihnen liegt Kerala.
Wie mit einem Lineal gezogen erschien uns die Klimagrenze, nachdem der Bus einige Höhenmeter zugelegt hatte. Ringsum den Bus nur noch Grün, Urwald, Tee- und Pfefferplantagen, auch andere Gewürze kann man hier nahezu direkt vom Produzenten kaufen. Die Gewürzstadt Kumili, die erste hinter dem Grenzpass, zeigte sich menschenleer und verschlossen. Ein Streik machte den Plan unserer Damen zunichte, sich mit frischen Gewürzen einzudecken. Doch kannte unser Busfahrer einige Kilometer weiter eine Laden an der Landstraße, an der man sich mit Gewürzen (und ich mit indischer Schokolade aus frischem Kakao) eindecken konnte.
Während ich in dem kleinen Laden wartete und mich trocknete, denn draußen regnete es in Strömen, sprach mich ein junger Inder an. Er fragte nach meinem Namen und nach Städten und Plätzen, die man in Deutschland gesehen haben müsse. Gezielt sprach auch er mich wieder auf die deutsche Wiedervereinigung an und wie wir damit zufrieden seien, ob es große Schwierigkeiten gebracht habe. Als ich ihm unter vielen anderen historischen Sehenswürdigkeiten auch das Niederwald-Denkmal bei Rüdesheim nannte und ihm auch den Hintergrund erklärte, weshalb die Statue Richtung Frankreich über den Rhein blickt, war das Interesse des jungen Mannes vollends geweckt und er fragte mich Löcher in den Bauch. Ob Deutschland und Frankreich immer noch Feinde seien und wenn nicht, wie man nach einer so feindseligen Geschichte nun seit 60 Jahren in Frieden miteinander leben könne, interessierte ihn sehr. Schließlich musste ich ihm meine Email-Adresse notieren. Ich denke, ich werde noch von ihm hören.
Nach Einbruch der Dunkelheit trafen im Bischofshaus bei Todupulai ein. Durch einen Tippfehler in der letzten Email wurden wir erst am nächsten Abend erwartet, weshalb keine Zimmer vorbereitet waren und für den morgigen Samstag auch kein Programm vorbereitet ist. Wir werden diesen Tag als Ruhepause und als Waschtag nutzen.




 

Samstag, 19. Oktober 2013

... in Indien (#7)

Nach der langen Zugfahrt ein langer aber interessanter Tag in Madurai 


Nach unserer Ankunft im Gästehaus des Tamil Theological Seminary (TTS) in Madurai, frühstückten wir ausgiebig und besichtigten den Campus, auf dem 200 Studenten verschiedener christlicher Konfessionen studieren.

Ein Teil der beeindruckenden Bibliothek
des "Tamil Theological Seminary" (TTS) in Madurai.
Danach verließen wir das Seminar in Richtung Innenstadt. Der große Hindu-Tempel dort war unser erstes Ziel. Die faszinierenden Eindrücke im Inneren wurden etwas getrübt, als wir beim Verlassen des Tempels bemerkten, dass wir den falschen Ausgang erwischt hatten. Vor dem Betreten mussten wir nämlich unsere Schuhe abgeben, so wie in jedem Tempel in Indien und damit übrigens auch in allen christlichen Kirchen, und jetzt waren unsere Schuhe auf der anderen Seite des Tempels. Nun barfuß mehrere hundert Meter weit über die kochenden Marmorplatten zu hopsen, staken, rennen war für uns Europäer kein Vergnügen, für die einheimische Jugend teils schon, die uns grinsend beobachtete.

Nach einer Stunde zur freien Verfügung in den engen Marktgassen um den Tempel, brachte uns unser indischer Begleiter Franklin mit dem Bus in ein Frauenhaus, das von der TTS betrieben wurde. Da dort viele Frauen Unterschlupf und Unterstützung finden, die Opfer schwerer häuslicher Gewalt geworden waren, wurden die Herren unserer Gruppe angewiesen, sich etwas zurückzuhalten. Wegen des herzlichen Empfangs mit Blüten, vielen lachenden Gesichtern und neugierigen Blicken fiel uns das sehr schwer. Eine der Frauen zeigte starke Brandnarben und verhielt sich sehr zurückhaltend, auch die Damen unserer Gruppe respektierten das und sprachen sie nicht an. So bleibt uns nur zu vermuten, dass es sich bei ihr um einen der Fälle handelt, wo Ehemänner versuchen, ihre Frauen zu töten, um mit einer neuen Heirat wieder neue Mitgift kassieren zu können. Andere der Frauen sind ohne Bleibe und Familie, wurden als junge Mädchen an alte Männer verheiratet. Wenn nun die eigenen Eltern und der Ehemann vor der Frau versterben, bleibt diese ohne Halt in der Gesellschaft zurück. Auch um diese Schicksale kümmert sich das Frauenhaus. Wie bisher bereits kennengelernt, finden auch in diesem Haus Frauen aller Religionen und Konfessionen Hilfe und Unterkunft.

In einem Gespräch am späten Nachmittag mit dem Principal Prof. Gnanavaram erfuhren wir, dass es sein Ziel sei, Theologie zu leben und außerdem nicht die Religion aus dem Westen zu importieren. Er möchte eine eigene indische christliche Theologie schaffen, mit eigener Lithurgie und Liedern und allem, was dazugehört. Dabei waren gerade bei den Gottesdiensten in Tamil Nadu die englischen Choräle eines der wichtigsten Bindeglieder zwischen uns und den indischen Christen, bemerkte die Gruppe bei einer späteren Reflexion.

Die Ausbildung der jungen Priester dort beeindruckte unsere mitgereisten deutschen Pfarrer.Ganz im Sinne der Idee »Theologie zu leben«, ist das Studium sehr praxisorientiert. Nach dem ersten Jahr sind die Studierenden nicht mehr auf dem Campus untergebracht, sondern in den nahegelegenen Slums.

Im dritten Jahr leben die Studenten auf dem Land, beschäftigen sich dort mit nachhaltigem Ackerbau und dem Leben der Bauern. Im weiteren Verlauf ihres Studiums müssen sie für einige Wochen ein Entwicklungshilfeprojekt begleiten, in einem der abgelegenen Dörfer, sowie weitere praxisbezogene Stationen absolvieren.

Nach dem Abendessen besuchten wir fünf der Seminaristen in ihrer Slumhütte, dort leben sie Tür an Tür mit einer der unteren Schichten. Wobei es sicherlich Slums gibt, in denen noch ärmere Menschen leben. Dieses Slums, die wir zu Gesicht bekamen, vermuteten wir vielmehr in der unteren Mittelschicht oder oberen Unterschicht. Also nicht die Wellblechhütten, die wir in Deutschland mit Slums verbinden. Trotzdem war es eine Erfahrung, die zum Nachdenken anregte, wenn Mitglieder der Mittelschicht in Slums leben.

Nach einer unruhigen Nacht im Zug kamen wir nach einem sehr langen Tag endlich in unsere Betten. Die Temperaturen waren noch ein bisschen höher als in Chennai und auch die Luftfeuchtigkeit hatte nicht nachgelassen.






 

... in Indien (#6)

Im Nachtzug nach Madurai - Mit Indern im Gespräch

Den gestrigen Tag begannen wir mit einem letzten Gespräch mit dem Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit der Church of South India (CSI) in Chennai Mr. Solomon. Die Runde entpuppte sich schnell als Nachbearbeitung unserer Busfahrt am Tag zuvor (s. Reisebericht von gestern).


Typisch für die Gegend in und um Chennai:
der Haarschmuck der Frauen aus Jasmin-Blüten.
Nach dem Mittagessen hatten wir den restlichen Tag zur freien Verfügung und stürzten uns mit Tuk-Tuks in den wuseligen Verkehr Chennais. Im Tempelbezirk angekommen, gingen die Herren wieder auf Tuchfühlung mit den Menschen dort an ihren Marktständen. Eine Mutter mit Kind, die ich auf der Straßenseite gegenüber fotografierte, winkte mich herüber, holte ihr zweites Kind, posierte mit beiden Kindern für mich. Als sie nun sagte, dass sie »two more children« hätte, die sie holen wollte, entschuldigte und verabschiedete ich mich. Denn tatsächlich hatte ich den Anschluss an meine Gruppe verloren, die mittlerweile an einem Straßenstand Tee bestellt hatte. Tee, der nicht mit Wasser aufgebrüht wird, sondern direkt auf Milchbasis zubereitet wird. Unsere Damen waren derweil unterwegs, um zu shoppen in den kleinen Basarständen. Sie wurden von unserer indischen Begleiterin Sheela in die besten Läden geführt, um Stoff für Saris zu finden. Sheelas Verhandlungsgeschick beeindruckte meine Mitreisenden. Sie muss einen Händler sogar dazu gebracht haben, seine Mutter zu Hilfe zu rufen, um von Sheela nicht ganz über den Tisch gezogen zu werden.

Am Abend brachte uns ein Mitarbeiter des CSI zum Bahnhof von Chennai, wo wir im Schlafwagen des Nachtzuges nach Madurai reserviert hatten. Vor dem Bahnhof sprach ein Gepäckträger unseren Begleiter an. Sofort begannen die beiden zu verhandeln und kurz danach waren es etwa zehn Gepäckträger, die mit unserem Begleiter um den Preis feilschten. Die Abfahrt des Zuges im Nacken, das hektische, laute Verhandeln, hätte uns Europäern den Kopf platzen lassen. Unser gelassener Begleiter allerdings handelte einen guten Preis aus, einen Bruchteil dessen, was eine unserer Vorgängergruppen gezahlt hatte.

Warum wir nicht mit dem Flugzeug reisten, wurde unser Gruppenleiter Thomas Philipp von vielen Indern gefragt, die die Fahrt im Nachtzug nicht nachvollziehen konnten. Doch getreu seinem Motto »Immer rein ins Gewimmel, ihr sollt die Menschen kennenlernen«, kam nur die Fahrt mit dem Nachtzug in Frage. Gemeinsam mit Birgit, Stefanie und Kirsten teilte ich mir ein Sechser-Schlafabteil. Ja, zwei Plätze waren noch frei und da kam Thomas’ Strategie gleich zur Geltung. Im Abteil saß bereits ein Inder, der sich und seine Frau auf deutsch vorstellte. Ein Professor für Physik mit seiner Frau, einer Ingenieurin für Wasserbau. Nachdem der Professor die Namen unserer großen Physiker wie Einstein und Heisenberg aufzählte und sie als »geniale Köpfe« lobte, fragte er uns nach unseren Reisezielen und Ambitionen für die Reise. In Anspielung auf Pakistan und Indien fragte er nun, wie wir Deutschen die Wiedervereinigung verkraftet hätten, ob wir glücklich damit wären und welche Erfahrungen wir gemacht hätten. Der Professor selbst war nie in Deutschland, hat die Sprache in Indien gelernt.

Plötzlich fragte er uns, ob denn Adolf Hitler für uns ein Held sei. Wir verneinten dies und erklärten ihm, dass ein Massenmörder und Volksverhetzer, der so viel Leid über die Völker brachte, niemals ein Held sein könne. Der Professor nahm unsere Ausführungen ruhig zur Kenntnis, kannte die Gräueltaten der Nazis bereits und konnte deshalb wohl nicht verstehen, warum die Deutschen Hitler als Helden sehen und hatte noch einmal nachgefragt. Schließlich gab er zu, dass alle Deutschen, die er bisher danach fragte, dies bejaht hätten. Wir erklärten ihm, dass es sich hierbei um eine politische Minderheit in Deutschland handele und er wohl immer die falschen Deutschen erwischt hätte.

Mit einem freundlichen »Gute Nacht« schwang sich der betagte Professor wie ein Eichhörnchen ohne Hilfe einer Leiter in das oberste der drei Stockbetten und verschwand unter der dünnen Decke.

Als langsam Ruhe einkehrte im Wagen, wurden unsere Fahrkarten kontrolliert. Während ich Kirsten ärgerte und der Gehilfe des Kontrolleurs dies beobachtete und breit grinste, sorgte der »Chief Ticket Inspector« schnell für Ordnung und unterband jeden Spaß. Nach einer gewissenhaften fast viertelstündigen Kontrolle mussten wir 90 Rupi nachzahlen, weil sich die Preise seit der Buchung erhöht hatten.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

... in Indien (#5)

Women Industrial Centre und knapp 10 Stunden Busfahrt


So, zurück aus dem Gewimmel von Chennai zu Fuß und per Tuk-Tuk, habe ich jetzt eine halbe Stunde Zeit, den gestrigen Tag kurz zusammenzufassen.

Auf dem Weg zum "Women Industrial Centre" der CSI
beeindruckt uns das indische Straßenleben.

 
Nach dem Frühstück mit Fladenbrot aus Erbsenmehl und einer Soße aus Kokos, Knoblauch und Pepperoni, wie immer mit den Fingern zu essen, bestiegen wir unseren kleinen Bus (hessisch: Bussi) und fuhren Richtung Palmaner und Vellore. Die deutsche Entwicklungshilfe unterstützt das Projekt »Women Industrial Centre« in Palmaner, das von der Church of South India (CSI) betrieben wird. Dauern sollte die Hinfahrt etwa drei Stunden, nach etwas über vier waren wir dann dort. Nach indischen Maßstäben noch eine gute Zeit für eine Distanz von etwa 230 Kilometer.
Eine kleine Farm, mit einem fast kolonialen Herrenhaus, Feldern und Werkstätten mit angegliedertem Hostel für Mädchen. Die Mädchen, oft Halbwaisen, sollen hier zwei Jahre Nähen und Sticken lernen, den Umgang mit einem Computer sowie die Grundkenntnisse der englischen Sprache. Außerdem gehören auch Agrar-Projekte auf den umliegenden Feldern zu diesem Programm, auch Ackerbau ohne Chemikalien soll den jungen Frauen an die Hand gegeben werden.

Wie wir einen Tag später (heute) in der Nachbesprechung erfuhren, waren dort ehemals 300 Mädchen untergebracht und wurden ausgebildet. Wir trafen nur noch knapp 20. Die Gelder brechen weg und es lägen eine unprofessionelle Verwaltung sowie schlechte Marketing- und Verkaufsstrategien vor.

Die jungen Frauen lernen verschiedene Techniken
der Handarbeiten und Computergrundkenntnisse,
um von den Männern unabhängig zu werden.

Die 20 Mädchen, die wir trafen, zeigten uns einerseits scheu, andererseits mit Stolz ihre Arbeiten: Stickereien und Kleider. Zu den Stickereien gehörten auch Weihnachtsmotive und die in Deutschland so bekannten »betenden Hände« von Albrecht Dürer. Dabei fragte ich mich, ob die Mädchen je einen schneebedeckten Tannenzapfen gesehen hatten oder mehr über die »betenden Hände« wussten.

Zum Abschied sangen uns die Mädchen ein Ständchen, behängten uns schüchtern mit Blumenkränzen. Als wir aber im Bus saßen, kamen sie in kleinen Gruppen aus allen Richtungen gelaufen, stellten sich an den Rand des Weges zum Haupttor und winkten uns lachend und springen zu. Wir hatten versprochen, ihnen die Fotos, die wir von ihnen gemacht hatten, bald auf dem Postweg zuzuschicken. Der Drucker im dortigen Büro war nämlich defekt und würde es auch die nächste Zeit bleiben.

Auf dem Rückweg statteten wir dem Vice-Bischof Sathiyaraj einen Besuch ab, der uns begeistert vom dortigen »Vasantham Project« berichtete. Dieses Vorhaben bezeichnet ein neunstöckiges Büro- und Gewerbegebäude, dass von der CSI gebaut wird und anschließend durch die Mieteinnahmen Gewinne für die Arbeit der Kirche generieren sollte. Bei der Nachbesprechung am folgenden Tag (heute) kritisierten wir (die deutsche Delegation »Referend Philipp & Team«) dieses Vorhaben. Aus Erfahrungen mit dem einsetzenden Rückgang der deutschen Wirtschaftskraft bezweifelten wir, dass die Rechnung der CSI aufgehen werde und bezeichneten das Vorhaben als »finanziell riskant«.

Hier wird es langsam dunkel, bald ist es Zeit für das Dinner. Das letzte hier im Haus in Chennai. Um 20 Uhr startet unser Nachtzug nach Madurai, der Tempelstadt.


... in Indien (#4)

Der zweite Tag - viele Infos und zum ersten Mal Haut-an-Haut durch die Straßen
 
Nachdem ich zwei Tage nicht zum Schreiben kam, weil unser enges Programm oder die INet-Verbindung es nicht zuließ, hier nun der Bericht zum Montag:
 
Unser zweiter Tag in Chennai begann mit einer Andacht, vielen Infos und dann endlich auch eine Fahrt zu den Sehenswürdigkeiten Chennais.
Nach einer Morgenandacht mit allen Mitarbeitern des Gästehauses der Church of South India (CSI) hatten Referend Daniel und der Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit Mr. Solomon sich Zeit für unsere Gruppe genommen und uns in kurzen Präsentationen die Tätigkeiten und Projekte der CSI vorgestellt. Anschließen eröffneten wir die Frage- und Diskussionsrunde - natürlich alles in Englisch.
Angesprochen auf die zwei großen Schlagzeilen, die wir als Europäer aus Indien kennen, nämlich die Vergewaltigung von Frauen in der Öffentlichkeit und den Niedergang der indischen Wirtschaft. Zu den Vergewaltigungen erfuhren wir, dass die Opfer oft den »Dalids« angehörten, den Kastenlosen. Kastenlose in einer Gesellschaft der Kasten, Menschen, die oft nicht als Menschen angesehen werden und dann auch leicht zum bloßen Sexualobjekt werden.
Viele der Dalids wenden sich dem Christentum zu, weil sie dort Zugang zu einer Gesellschaft ohne Kasten finden, was jedoch die Probleme außerhalb dieser neuen Gemeinschaft nicht löst. Die CSI versucht durch verschiedene Projekte (s. Bericht morgigen Bericht) den jungen Mädchen und Frauen Selbstvertrauen, Bildung und Ausbildung zu geben, um sie selbstbewusst und unabhängig von den Männern zu machen. Diese Projekte werden teils von Ehemännern nicht gerne gesehen und die Kirche stößt hier auch auf Widerstände.
Neben diesen Tätigkeiten setzt sich die CSI auch für Agrarprojekte ein, um die einfachen Bauern von den Lizenzgebühren der Konzerne zu befreien. Schon eine Missernte treibt die kleinen Bauern oft in den Selbstmord. Außerdem fordert die Kirche gesundes, chemiekalienfreies Essen für die indische Bevölkerung.
Nach dem Essen besuchten wir die zwei einzigen touristischen Ziele Chennais, den St. Thomas-Hügel und die St. Thomas-Kathedrale. Dies waren auch die einzigen Orte, an denen wir bisher auf andere Ausländer stießen. Ansonsten sind wir hier »allein unter Indern«, wie es auch gedacht war. Auf dem Rückweg zum Gästehaus stand noch ein Besuch eines Hindu-Tempels auf dem Programm. Da der Bus im Verkehr stecken blieb, entschied Pfarrer Thomas Philipp: »Alle raus aus dem Bus!« - als Sheela, unsere indische Begleiterin und der Busfahrer hiergegen Bedenken äußerten, sagte Thomas: »Survival Training in India!« Als wir uns dann Haut-an-Haut durch die Mengen an den Straßenständen durchgekämpft und den Tempel besichtigt hatten und schließlich mit dem Bus wieder zurückfuhren, sagte Birgit, sie sei schon einmal in Indien gewesen, aber so nah sei sie dem wirklichen Leben hier nicht gekommen. Ihre Gruppe sei damals mehr behütet worden, Thomas’ Stil dagegen ist: Rein in die fremde Welt, zwischen die Menschen!
In diesem Sinne werden wir am Mittwoch auch nicht nach Kochi fliegen, sondern den Nachtzug besteigen, um auch dieses »Feeling« einmal zu erleben.
Doch zuerst kommt morgen der Bericht über unseren Besuch der kirchlichen Projekte auf dem Land.

Sonntag, 13. Oktober 2013

... in Indien (#3)

Der erste Tag - Ankunft und Land - auf die Schnelle

Das Thema, dass uns in diesem Jahr an die Hand gegeben wurde, heißt "Demografischer Wandel global". Doch bevor wir uns daran machen können, die uns gestellten Fragen zu beantworten, mussten wir heute die neue Welt kennenlernen, in der wir uns die nächsten Wochen zurechtfinden müssen. Zugegeben, auf dem Zwischenstopp in Neu-Delhi und der Fahrt vom Flughafen Chennai bis zum Gästehaus der CSI (Church of South India) haben wir noch nicht viel vom Land gesehen haben, erlebten dennoch schon vieles dessen, was für diesen Subkontinent typisch sein soll.

Bei der Ankunft in Neu-Delhi war die Stadt durch den Dunst nur schlecht zu erkennen. "Der typisch SMOG in Delhi", erklärte Thomas Philipp, der schon mehrere Male hier war. Im Tansitbereich des Flughafens wirkte es international, westlich, erinnerte kaum etwas an Indien. Wenn ich da nach der Landung aus dem Airbus heraus nicht einen Flughafenbediensteten gesehen hätte. Dieser saß an einem scheinbar selbstgezimmerten Schreibtisch, unter einem Wellblechdach, gehalten von vier geraden Stöcken an jeder Ecke, mitten auf einem schmalen Grünstreifen zwischen zwei Rollbahnen. In Deutschland undenkbar. Auf dem Weiterflug innerhalb Indiens war der Ausländeranteil der Fluggäste ebenfalls bei etwa 10 bis 20 Prozent. Allerdings waren wir jetzt die Ausländer zwischen vielen Indern.

In Chennai angekommen, nahm uns Sheila von der CSI am Flughafen in Empfang. Der kleine Bus hatte einen Platz zu wenig. Sheila und ihr Busfahrer entgegnen nur fröhlich: "No problem!" Dies kommentiert Winfriede, die ebenfalls schon Zeit in Indien und Buthan verbrachte mit: "Das werden wir noch oft hören!"

Im Gästehaus des CSI kam es dann auch beim ersten gemeinsamen Tee-Trinken zu einem der berüchtigten Stromausfälle. "Hat irgendjemand seine Taschenlampe dabei?" - Nein, alle noch im Koffer. Ab jetzt hat sie aber bestimmt jeder bei sich, nach Einbruch der Nacht.

Vor dem Abendessen unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang "um den Block", passierten dabei Bettler und Straßenhändler, um in ein glitzerndes Einkaufszentrum zu gelangen, dessen Gegenstück an Größe und Prunk man im Rhein-Main-Gebiet vergebens sucht.

Passieren mussten wir dabei auch die vierspurige Straße, zweimal. Ohne Ampel und ohne Rücksicht. Ohne Rücksicht unsererseits auf den scheinbar unkontrollierten Verkehrsfluss. Einfach loslaufen, die bremsen schon. Langsam und gleichmäßig laufen, dann könnnen die Fahrer unsere Bewegungen einschätzen und bremsen schon ab. So war es dann auch. Trotzdem wird einem Europäer mulmig, wenn zwei vollbesetzte Linienbusse hupend auf einen zufahren und erst bremsen, wenn sie merken, dass der Fußgänger nicht stehenbleibt.

Das Essen selbst, Chicken Madras mit Fladenbrot, wurde mit den Fingern zu sich genommen. Die glitschigen Kichererbsen wollten sich mit der Soße vermischt nicht unbedingt freiwillig in die Fladenbrote einrollen lassen und so gab es hier und da ein bisschen Schweinerei.

Nach einer kurzen Nachbesprechung im Innenhof des Gästehauses machen wir uns jetzt frisch und springen in die Betten, denn morgen beginnt unser planmäßiges Programm. Einen groben Eindruck von diesem Land haben wir heute schon bekommen und sind gespannt auf die nächsten Tage.

Achja: Gerade habe ich meinen Koffer geöffnet, mein Duschzeug herausgeholt und war duschen (d. h. ich habe mir bei einer gartenschlauchartigen Brause mit einem kleinen Schöpfer Wasser über den Kopf gegossen), komme zurück, ziehe ein Unterhemd aus meinem Koffer, und da krabbelt eine fast daumengroße Kakerlake meinen Arm hinauf. Ich zucke, sie springt ... leider wieder in den Koffer. Hoffentlich krabbelts morgen nirgends in der Hose ... ich bin jetzt wohl wirklich in Indien ;)

Freitag, 11. Oktober 2013

... in Indien (#2)

Der Tag des Abflugs naht. Was erwartet meine Gefährten und mich? Ein schöner Urlaub? Sicher nicht ...

Nein, ein Urlaub wird das sicher nicht, auch wenn es morgen für drei Wochen in das »Land der Kokospalmen« geht. Im Reisegepäck der zehnköpfigen Gruppe aus Wetterau und Vogelsberg finden sich nämlich nicht Badehose und Strandschmöker, sondern Fragebogen, Bilder vom eigenen Dorf, Familie und Arbeitgeber und viel Neugier.

Der Partnerschaftsausschuss der Evangelischen Dekanate Alsfeld, Büdingen, Nidda und Vogelsberg hatten für diesen Herbst wieder zu einer Partnerschaftsreise nach East-Kerala in Südindien eingeladen. Ziel der Partnerschaft ist das gegenseitige Kennenlernen und auch das Lernen voneinander. Ohne erhobenen Zeigefinger zu seinen eigenen Ansichten stehen, die Ansichten des Gegenübers aber trotzdem zu respektieren; dazu zählt etwa, den evangelischen Partnern in Indien zu zeigen, dass in Deutschland auch protestantische Pfarrerinnen predigen, es dann aber zu akzeptieren, wenn die Partner dabei bleiben, dass in Indien nur Männer predigen dürfen.

Deshalb ist es wichtig, dass die zehn Teilnehmer der Fahrt Fotos von ihren Familien und Arbeitsplätzen und dem Dorfgeschehen in die Koffer packen. Diese Bilder sollen zeigen, wie man »bei uns« lebt und welche Stellung die Frau in unserer Gesellschaft hat, doch auch, wie unser Leben und unsere »Welt« im Gesamten ablaufen. Außerdem erleichtern es die Bilder, mit den indischen Gastgebern in Kontakt zu kommen, denn sie sind furchtbar neugierig auf alle Fotos und Neuigkeiten aus fremden Ländern. Für sie sind wir die »exotische, abenteuerliche Welt«. Daran kann man erkennen, dass es stets verschiedene Ansichten gibt und man sich davon lösen sollte, unsere »westliche Sicht der Welt« als einzig wahre zu sehen. Offen sein für andere Anschauungen, sie respektieren und auch Teile davon mit in unsere Gesellschaft nehmen. Denn der Sinn einer Partnerschaft ist der Austausch, nicht das Belehren.

Wie anders diese Welt ist und wie zerrissen der große Nationalstaat Indien bis heute ist, zeigte sich schon bei den Reisevorbereitungen. Denn eine geplante Fahrt mit dem Nachtzug von Chennai (früher Madras) gen Süden, stand zeitweise auf der Kippe. Denn Nachbarstaat Tamil Nadu stritt »wieder einmal« mit East-Kerala um Wasser und deshalb waren die Grenzen geschlossen worden. Für die Reiseteilnehmer klang das, als habe Hessen die Grenzen zu Bayern dichtgemacht und beide Bundesländer stünden kurz vor der Mobilmachung. Nun sind die jedoch Streitigkeiten beigelegt, kann die Reise der hessischen Gruppe wie geplant stattfinden. Nach einer Zwischenlandung in Neu-Delhi kommen die Reisenden in Chennai an der Ostküste an, »genießen« dort das unvorstellbare Chaos einer indischen Großstadt, reisen mit dem Nachtzug nach Süden, steigen schließlich in einen Kleinbus um, der sie wieder nordwärts nach East-Kerala bringen wird. Auf der Reise innerhalb Indiens sollen die Hessen in Kontakt mit den Einheimischen kommen und auch die verschiedenen Kulturen innerhalb des Landes kennenlernen. So ist in Kerala, wo viele Christen leben und der Bildungsstand verhältnismäßig hoch ist, das für Indien typische Kastenwesen eher schwach ausgeprägt, in anderen Landesteilen jedoch noch sehr stark. Dies beeinflusst auch die Arbeit der christlichen Kirchen aber ebenso die gesamte Gesellschaft. Das Reiseziel selbst, East-Kerala, ist eigentlich mehr das Land der Teeplantagen als der Kokospalmen, was mehr auf den westlichen Teil Keralas zutrifft. Im Vergleich zur Großstadt ein Hort der Ruhe, für die Europäer aber sicherlich noch immer ein bisschen chaotisch und vor allem »ganz anders«.

Untergebracht sind die Hessen in Kerala eine Woche lang im Haus des Bischofs Dr. K. G. Daniel, von wo aus sie geführte Tages- und Halbtagstouren starten. Zuvor allerdings sind sie als Zweiergruppen einzelnen Familien zugeteilt und verbringen dort eine Woche im »wirklichen Indien«. Dabei kann es sein, dass man eine gut betuchte Familie besucht, die fließend Wasser, Strom und sogar Internet besitzt oder eine Gastfamilie findet, die abends die Kerze an Bett bringt und zum Waschen morgens einen Eimer bereitstellt. Auf alle Fälle jedoch wird man eine Art »Attraktion« sein und vielleicht auch von seinen indischen Gastgebern als »unser Europäer« vorgestellt. Ebenfalls sicher ist, dass die Europäer gemeinsam mit den indischen Partnern Gottesdienste gestalten und unter Umständen auch die eine andere Rede zu Hochzeiten oder auch Beerdigungen oder sonstigen Anlässen halten müssen - auf Englisch, versteht sich.

Der Streit zwischen dem wasserreichen Kerala und seinem Nachbarn Tamil Nadu lassen auch die Probleme der Zukunft erkennen, wenn es wahrscheinlich zu Kriegen um Wasser kommen wird. Doch so weit wollen die Evangelischen Dekanate nicht blicken, sie geben den Reisenden einen Fragebogen zum »Demografischen Wandel« an die Hand. Ein Problem, das uns in Deutschland sehr beschäftigt. Ist es auch ein Problem in Indien? Welche Folgen verbinden wir damit, wie etwa eine schlechte Infrastruktur aufgrund des Aussterbens der ländlichen Region. Gibt es diese Infrastruktur in Indien überhaupt? Gibt es den demografischen Wandel und wenn ja, wie wird er sich auf das völlig anders ausgerichtete Indien auswirken? Mit diesen Fragen sollen sich die Reisenden außerdem beschäftigen und berichten.

Berichten von ihrer Reise werden sie täglich auf dem Indien-Blog der Erwachsenenbildung Vogelsberg (http://www.eb-vb.de) und zusätzlich werde ich meine persönlichen Eindrücke hier veröffentlichen - soweit es die Technik zulässt.

 
Die Gefährten (frei nach Tolkien)
Zu den Teilnehmern der Partnerschaftsreise der Evangelischen Dekanate Alsfeld, Büdingen, Nidda und Vogelsberg gehören:

Birgit Ebert aus Alsfeld - Logopädin, Mutter von drei Kindern, vor 25 Jahren übernahm sie die erste Patenschaft der Kindernothilfe für ein Mädchen aus Indien, seitdem wächst die Neugierde auf das Land, bereits 2001 nahm sie an der Partnerschaftsreise teil und sagt seither: »Indien ist voller Gegensätze, die Vielfalt in allen Bereichen des Lebens, der Kulturen und Religionen ist unermesslich«. Sie will die deutsch-indische Partnerschaft unterstützen und über die Reise in den Gemeinden berichten.

Kirsten Emmrich aus Büdingen - Mutter, tätig im Kirchenvorstand, ist schon seit Jugend an interessiert an Indien, beherbergte beim Besuch der indischen Delegation Bisch Dr. Daniel und freut sich nun, an der Reise teilnehmen zu können, sie gibt zu, dass das Indien aus den Medien sie anziehe und abstoße gleichermaßen, nun wolle sie sich durch die Reise ein eigenes Bild machen und ist sehr neugierig.


Stefanie und Dietmar Patt aus Ortenberg - Dietmar Patt, tätig in der Chemischen Industrie, hatte als Vorsitzender des Dekanats Büdingen schon oft mit der Partnerschaft zu tun, war jedoch noch nie dort, ist jedoch gespannt auf die Menschen dort und wie sie mit Problemen umgehen, die wir vielleicht auch haben, hofft darauf neue Ideen und Lösungen mitzubringen. Stefanie Patt, Dipl.-Geologin/Lehrerin wurde von ihrem Ehemann gefragt, ob sie Lust hätte, ihn auf der Partnerschaftsreise zu begleiten. Für sie war das alles immer weit weg, freut sich jetzt jedoch auf freundliche Menschen in farbenfrohen Gewändern, Gewürzduft, Elefanten und Kokospalmen.

Eberhard Hampel aus Nidda - evangelischer Pfarrer in Geiß-Nidda und Bad Salzhausen ist Vertreter des Dekanats im Partnerschaftsprogramm und möchte dessen Arbeit vor Ort kennenlernen. Bereits seit seinem Vikariat interessiert er sich für ökumenische Themen.

 
 
 
Winfriede Fuhrmann aus Gemünden - Krankengymnastin, Mutter einer Tochter, war vor acht Jahren bereits im Rahmen der Partnerschaft in Indien, ist neugierig darauf, wie sich die Gemeinde seither entwickelt hat, freut sich darauf, Freunde und Bekannte wiederzusehen und möchte ein Hostel besuchen, um zu sehen, wo die Gelder der Entwicklungshilfe hinfließen. Besonders freut sich sich auf gemeinsame Gottesdienste in vollen Kirchen und das indische Essen.

 
Elvira Elisabeth Savioli aus Deidesheim, früher Ortenberg - Sozialarbeiterin, war bereits als Studentin 1992 längere Zeit in Nordindien und fasziniert und erschrocken zugleich von den Gegensätzen dort, 2005 nahm sie bereits an einer Partnerschaftsreise teil, sie begrüßt das Engagement der Kirche für die Frauen in Indien, deren Lebensfreude trotz widriger Lebensumstände immer wieder auf sie übersprang, sie ist dankbar für die Begegnungen dort, die ihr die Gelassenheit haben, die Dinge hinzunehmen, die sie nicht ändern kann, aber auch die Kraft, für die zu kämpfen, die sich ändern können.

Bertram Philipp aus Lautertal - Vater und selbständiger Bauunternehmer, betreibt seit Jahren selbst Yoga und möchte nun in das Land reisen, in dem dessen Wurzeln liegen, er ist neugierig auf eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde und wie die verschiedenen Kulturen und Religionen dort miteinander leben, möchte mehr darüber erfahren, wie das Christentum das Kastenwesen in Kerala außer Kraft setzen konnte, er glaubt, dort funktioniere das Gebot der christlichen Nächstenliebe im Zusammenleben der Kasten sehr gut und möchte sich auch dies anschauen.

Thomas Philipp aus Ranstadt - Evangelischer Pfarrer in Ranstadt und Inhaber der Profilstelle Ökumene innerhalb des Dekanats mit Schwerpunkt »Partnerschaftsarbeit«, er fährt nun zum 5. Mal nach Kerala, ist Mitorganisator der Reise, er freut sich darauf, alte Bekannte und Freunde wiederzutreffen, jeder Besuch in Indien ist eine Bereicherung für ihn und eine Chance, die Kirche Jesu Christi nicht nur in die Dörfer East-Keralas zu tragen, sondern auch in die Dörfer Oberhessens.

Marc Stephan aus Echzell - Justizbeamter und freier Mitarbeiter bei Wetterauer Zeitung und Kreis-Anzeiger, er interessiert sich für Indien, seit der damalige Bischof East-Keralas ihn und andere Konfirmanden auf einem der Delegationsbesuche eingeladen hatte, er hofft nun die Menschen und die Gesellschaft dort kennenzulernen und mit einer Fotoreportage den Austausch zwischen den Partnergemeinden zu unterstützen.

Dienstag, 17. September 2013

... nach dem Werbefuzzy

So, wo finde ich den Werbesprecher aus dem Radio, der gerade sagte: "Tanken Sie noch heute S.... Power-V Diesel!"?

Voll getankt habe ich, der hätte aber ruhig dazu sagen können, dass das nur für Fahrer von Dieselfahrzeugen gilt. Un nu? Backe voll!

Das ist wie damals in Köln. Jedes mal wenn ich in die Stadt wollte, kam ich nur vom Hotel bis zum Bahnhof, weil eine herrische Frauenstimme dort immer sagte: "Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!" Also ich immer wieder zurück ins Hotel, den Koffer beaufsichtigen. War ein langweiliger Ausflug. Immerhin habe ich so aber gemerkt, dass die mein Zimmer doppelt belegt hatten. Nämlich an Familie Haus-Kieping. Von denen kam dauernd einer rein und ist schnell wieder raus als er mich hat sitzen sehen. Die waren aber hartnäckig, kamen immer wieder. Scheint ne Großfamilie gewesen zu sein, hat sich nämlich ständig jemand anderes mit "Haus-Kieping" vorgestellt.
So, zurück zum Werbefuzzy ...


Donnerstag, 5. September 2013

... in Indien (#1)

Auf nach East Kerala

 
So, langsam wird es jetzt ernst. Noch gut fünf Wochen und ich bin auf dem Weg nach Indien.
Das hätte sich der indische Bischof sicher nicht träumen lassen, als er mich nach Indien einlud. Das ist mittlerweile schon etwas länger her, denn ic
h war damals noch Konfirmand ;) Mittlerweile gibt es in East Kerala, Süd-Indien, wo die Reise hingeht, auch einen anderen Bischof. Das Angebot steht aber offenbar immer noch, denn nun geht es bald los. Impfungen so gut wie abgeschlossen, Ticket gebucht und das Visum pappt im Reisepass.

Mit einer Gruppe aus 10 Personen aus Wetterau und Vogelsberg geht es dann am 12. Oktober für drei Wochen nach Indien, abseits der Touri-Routen, zu den einfachen Menschen dort, zeitweise privat untergebracht.

In Wetterauer Zeitung und Kreis-Anzeiger werde ich kleine Wochenberichte veröffentlichen, sowie einen Vor- und Nachbericht. Wer sich während der Reise schon darüber auf dem laufenden halten will, kann das durch den Blog auf der Website der evangelischen und katholischen Erwachsenenbildung (s. u.)
Dort werden dann vor allem auch Berichte meiner Mitreisenden stehen, worauf ihr Augenmerk fiel, was sie erlebt haben.

Außerdem kann man dort heute schon die Erlebnisse der letzten Reisegruppe nachlesen, die 2009 unsere indische Partner-Diözese in East Kerala besuchten ...
http://www.erwachsenenbildung-vb.de/index.php?id=43

Sonntag, 7. Juli 2013

... auf die Fluthilfe der Regierung

Nachdem nun die Flut in unserem Land für dieses Jahr vorüber ist und man begonnen hat, die Schäden zu beheben, bleibt auch die Zeit über so manches nachzudenken. Mir etwa fällt dabei ein, wie ich bei einer der ersten Reden zur Flutkatastrophe unserer Bundeskanzlerin unweigerlich lachen musste. Soweit ich mich erinnere, sagte sie den Flutopfern "die Hilfe der Bundesregierung" zu. Ich konnte es nicht verhindern, noch in derselben Sekunde sah ich sie vor meinem geistigen Auge: Frau Bundeskanzler und ihre Kollegen in Gummistiefeln mit Eimern in überschwemmten Kellern stehend und Wasser schöpfend. "Die Hilfe der Bundesregierung" eben.
Aber was war nun daran anders als früher? Warum sprang mir das so unweigerlich ins Ohr? Sagte man früher nicht immer die "Hilfe des Staates" zu? Heißt das etwa, der Staat ist heute die Bundesregierung oder umgedreht, die Regierung ist der Staat? Denkt man da nicht (wenigstens so ein bisschen) an den französischen Sonnenkönig und dessen Ausspruch: L’État c'est moi (Der Staat bin ich)? Und nahm dieses Selbstverständnis der Mächtigen damals nicht ein böses Ende?

Sonntag, 30. Juni 2013

... auf den versteckten Schabernack

Versteckter Schabernack im Fernsehprogramm des Hessischen Rundfunks? Oder war das von den Programm-Redakteuren gar kein heimlicher Schabernack, heute morgen direkt nach der Sendung "Hansi Hinterseer" zu fragen: "Kitsch oder Kunst"? - Obwohl sich die Frage eigentlich erübrigt ;)

Sonntag, 10. März 2013

... auf einen bemerkenswerten Mann

Nicht die Fotos waren 70 Jahre lang seine Leidenschaft, sondern die Menschen.

Vor etwa drei Jahren erhielt ich einen Tipp, einen "alten Hobbyfotografen" aus unserer Gegend zu portraitieren. Zunächst war ich etwas skeptisch, Hobbyfotografen gibt es viele. Doch Menschen, die seit 70 Jahren mit großer Leidenschaft einem Hobby nachgehen, sind selten. Schränke voller Fotos, meist in schwarzweiß, welche die Entwicklung seines Dorfes, seine Kriegserlebnisse und immer wieder seine Frau zeigten, erwarteten mich. Ganz gleich, was die Fotos zeigten, die Art wie der sonst nüchterne und tatkräftige Mann über seine Motive sprach, ließ eine Leidenschaft durchblitzen, die eigentlich nicht der Fotografie galt, sondern den Menschen und ihren Geschichten, die er im Bild festzuhalten versuchte. Anfang März 2013 ist Kurt Nagel nun verstorben.
Kurt Nagel im Jahr 2009 ... lesen.

Donnerstag, 21. Februar 2013

Montag, 18. Februar 2013

... auf "die Kirche"

Die katholische Kirche fordert mehr Toleranz in islamischen Gesellschaften - na gerade die!

Heute mal ein etwas ernsteres Thema, dazu kurz voraus: "Die Kirche" gibt es nicht, das weiß ich. Im Radio hatte ich einen Beitrag zu einer Aussage eines Kirchenoberen, dazu am Ende des Beitrages mehr.
 
Dieser Kirchenobere (katholischer Konfession, soweit ich mich erinnere) forderte also mehr Toleranz vom Islam gegenüber anderen Religionen, besonders in islamischen Ländern. Er könne nicht in Iran predigen ohne verhaftet zu werden, vermutete der Geistliche. In Deutschland hingegen dürfe man Moscheen bauen, die größer sind als der Kölner Dom, führte der Geistliche als Beispiel für die Toleranz in unserem Land an.
 
Aber das ausgerechnet ein Vertreter der katholischen Kirche so etwas fordert, stößt mir ein bisschen auf. Denn dass die Muslime in Deutschland Moscheen bauen dürfen, ist kein Verdienst der katholischen Kirche. Ebenso wenig wie so manch andere Fortschritte in Sachen Toleranz und Gleichberechtigung. Ich weiß dass Aussagen, die auf "hätte, wäre" beruhen sehr vage sind, dennoch behaupte ich jetzt: Hätte es die Reformation und die Aufklärung in Europa nicht gegeben, hätten wir mehr mit den angeführten islamischen Gesellschaften gemein als uns heute lieb ist. In Ordnung, die Reformation nehme ich zurück, auch die Protestanten waren Nicht-Christen gegenüber damals nicht gerade aufgeschlossener. Bleibt noch die Aufklärung. Aber die bleibt wirklich. Ohne Aufklärung würde es uns wahrscheinlich nicht mal stören, dass es bei uns ähnliche Sitten wie in manchen islamischen Gesellschaften gibt, weil wir es ja gar nicht anders kennen.
 
Also kurz: Die Forderung nach mehr Toleranz ist mehr als in Ordnung. Nur dass ausgerechnet die katholische Kirche so deutlich danach verlangt und hierzu Beispiele aus unserer Gesellschaft heranzieht, die es so nicht gäbe, wäre es die letzten 500 Jahre nach dem Willen der katholischen Kirche (bis heute ein Hort der Toleranz) gegangen, das stört mich unwahrscheinlich. Und das musste mal raus, sorry.

Da ich den Radiobeitrag erst dann richtig wahrgenommen habe, als es um Islam und Toleranz ging, habe ich leider nicht mitbekommen, wer diese Aussagen gemacht hat. Auch verschiedene Suchmaschinen brachten mich da nicht weiter. Wer also weiß, wer diese Aussagen veröffentlicht hat, darf sich melden. Wenn ich was falsch verstanden habe, dann muss dieser jemand sich bitte melden ;)

Samstag, 12. Januar 2013

... auf die guten Wünsche

"Ach Gott, jetzt hab' ich ihr auch noch 'frohe Weihnachten' gewünscht", sorgte sich eine Bekannte von mir. "Ich treffe aber auch jedes Fettnäpfchen!" Zugegeben, Weihnachten ist jetzt schon ein bisschen her oder noch lange hin - wie man es sehen möchte. Trotzdem störte mich etwas an der Aussage meiner Bekannten, die ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie einer älteren Dame frohe Weihnachten gewünscht habe. Meine Bekannte traf die Rentnerin nach längerer Zeit wieder und fragte nach deren Befinden, woraufhin diese sich beklagte, sie sei nun allein. Ihr Mann war vor Monaten verstorben und die alte Dame hatte dies noch immer nicht recht verarbeitet. Ganz betreten, den Sterbefall versäumt zu haben, wünschte meine Bekannte dieser Dame zum Abschied eben "frohe Weihnachten". Später fragte sie sich, wie denn für die Witwe das erste Weihnachten ohne ihren jahrzehntelangen Gefährten auf dem gemeinamen Lebensweg noch "schön" sein könne.

So geplagt von Selbstvorwürfen erzählte sie mir die Geschichte. Die Geschichte geht mir nun ständig durch den Kopf und ich frage mich: Warum sollte sie der alten Dame denn keine "frohe Weihnachten" wünschen? Sicher, es wird für die Witwe schwer gewesen sein, nach Jahrzehnten zum ersten Mal ohne ihren Gefährten unterm Weihnachtsbaum gesessen zu haben. Aber sollte man ihr nicht gerade deshalb "frohe Weihnachten" wünschen. Sollte man ihr nicht gerade deshalb wünschen, zumindest an Weihnachten eine "frohe Zeit" zu verbringen, eine Zeit ohne Gram und Schmerz? Und wenn wir das schon wünschen, warum dann eigentlich "nur" an Weihnachten? Sollte man Menschen, die man schätzt nicht das ganze Jahr über eine "frohe Zeit" wünschen, ihnen wünschen, trotz schwerer Schicksalsschläge wieder zum Frohsinn zurückzufinden?