Montag, 18. Mai 2015

Der Mindestlohn ist schuld?

Überall lese ich Überschriften wie: Mindestlohn macht den Produzenten der Spreewald-Gurken zu schaffen, den Zeitungsverlagen (wegen der Austräger), dieser und jener kämpft mit der Existenz und schuld ist immer der Mindestlohn. Aber ist er es wirklich? Der Mindestlohn zeigt doch eigentlich nur, wo ein großes Problem liegt. Wenn der Mindestlohn so vielen Unternehmen Probleme macht, liegt das doch eher daran, dass wir als Gesellschaft uns daran gewöhnt ...haben, »billig, billig« einzukaufen und deshalb reicht es nicht mehr für alle. Bei »für alle« fällt mir dagegen wieder ein, nicht jeder kann es sich leisten, für alle Produkte das Doppelte oder nur die Hälfte mehr zu zahlen. Da fragt man sich dann schon, wo ist eigentlich das ganze Geld hin? Wer von »uns allen« hat das denn? Liegt nicht da das Problem und nicht im Mindestlohn?
 
CC-BY-ND Marc Stephan, Echzell
 

 
 

 

Freitag, 27. März 2015

Wir mögen die Falschmeldungen


Gerade erfuhr ich, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender eine gesonderte Rubrik eingerichtet hat, um erfolgte Falschmeldungen zum Flugzeugabsturz der Germanwings 4U9525 wieder geradezurücken. Das will man uns als Fortschritt und als etwas Ehrenhaftes verkaufen. Weil man zugibt: »Ja, wir haben Murks berichtet«, muss man heute schon stolz sein? Sicherlich, andere Medien gehen einfach darüber hinweg und scheinen bezüglich eigener Falschmeldungen an Demenz zu leiden. Doch ist das Zugeben von Murks-Berichten nicht das Problem, die Murks-Berichte selbst sind es.
Muss man tagelang seine Berichterstattung füllen mit: »ich meine, denke, vermute« oder schlimmer mit: »ein anderer meint, denkt, vermutet, ich gebe es nur weiter«? Kann man ich einfach warten, bis geprüfte Fakten zur Verfügung stehen? »Warten« ist in der Medienlandschaft heute ein böses Wort geworden. Und daran sind vor allem wir schuld, wir als Gesellschaft, als Konsumenten von Nachrichten.
Deshalb dürfen wir uns schon fragen, was es uns bringt, tagelang mit Vermutungen bombardiert zu werden, uns tagelang neu mit dem Thema zu beschäftigen, oft gefüttert mit falschen Informationen und vorschnellen Theorien? Genügt es nicht, es einmal zu erfahren, mit geprüften Fakten und es dann in Ruhe verarbeiten zu können? Dafür müssten wir vielleicht ein paar Tage warten. Wäre das schlimm? Nein, denn die Hinterbliebenen sollten nicht auf die Informationen aus den Medien angewiesen sein, sie sollten gesondert und besonders verantwortungsvoll unterrichtet werden. Und wir? Wir einfaches Volk? Macht es auch nur den kleinsten Unterschied, ob wir die Hintergründe heute oder in drei Tagen erfahren? Nein. Völlig egal!
Aber wie sollen Experten vernünftig eine Untersuchung leiten, wenn ständig die Öffentlichkeit an ihren Ärmeln zerrt? Müssen wir wissen, wie der Co-Pilot hieß, wenn es noch gar nicht feststeht, ob er 150 Menschen absichtlich mit in den Tod gerissen hat? Besser noch: Müssen wir den Namen wissen, WENN es feststeht? Nein. Diese Tat zieht eine persönliche Schuld nach sich. Der Schuldige wäre in diesem Fall schon tot, seine Hinterbliebenen dagegen trifft keine Schuld. Sie sind einfach Menschen, die einen Angehörigen verloren und die allein damit bereits zu kämpfen haben. Die Belastung eines persönlichen moralischen Schuldempfindens ganz außer Acht gelassen.
Also wenn wir die Medien dazu drängen, uns so schnell Informationen zu liefern, dass eine Überprüfung der Angaben gar nicht möglich ist, brauchen wir dann noch eine Rubrik, in der die Falschmeldungen aufgelistet werden? Wollen wir das überhaupt wissen? Wir hatten doch unseren »Kick« schon. Wen interessiert, was danach kommt?

CC-BY-ND Marc Stephan, Echzell

Mittwoch, 30. Oktober 2013

... in Indien (#13)

Kleine Rundreise, Blutegel und alte Kirchen
 
Am Mittwochmorgen holte Referent Luke uns ab und wir verbringen den Tag wieder mit sechs Mitgliedern unserer Gruppe und mit Referend Luke und Referend Roy. Zunächst besuchen wir zwei touristische Attraktionen, deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe. Angeblich sind sie in vielen Bollywood-Filmen zu sehen, weshalb ein Video-Dreh dort 500 Rupie kostet, richtige Filmaufnahmen 5000. Zum Glück ist Fotografieren kostenlos, doch außer viel Nebel um die sanften, runden, mit Gras bewachsenen Hügeln ist auch nicht viel zu sehen. Gut, außer Kühen und Unmengen von Müll, der achtlos in die Hecke geworfen wurde. Hierher kommen hauptsächlich inländische Touristen und uns drängt sich der Verdacht auf, dass man inner-indische Sehenswürdigkeit immer daran erkennt, dass rundherum alles wild zugemüllt ist.
Wir besichtigen später noch Genossenschafts-Teefabrik und genießen das »Cruisen« mit den beiden Referends. Schließlich besuchen wir auch heute wieder eine Kirche und deren Referend mit dessen Familie. In der Kirche ergriffen Referend Luke die Handtrommel, die Frau des örtlichen Pastors die Marschtrommel und zusammen mit Roys hingebungsvollem Gesang boten die drei uns ein eindrucksvolles Mini-Konzert. Der Referend und seine Familie leben in einem bescheidenen Haus neben der Kirche ein, für unsere Verhältnisse kaum eine Gartenlaube, in der das Bett hochkant an die Wand gestellt wurde, damit die deutschen Gäste sich setzen können. Reich werden die Pfarrer hier in Indien sicher nicht und dabei sind die, die wir kennengelernt haben, teils von morgens fünf bis kurz vor Mitternacht im Gemeindedienst. Trotzdem bietet man uns auch wieder den indischen schwarzen Tee mit Milch (Chay) an und allerlei Snacks. Wieder mit viel frischem Obst, darunter auch ein wirklich frischer, reifer Granatapfel, den Referend Roy fachgerecht zerlegt und unter uns aufteilt. Auch ich, der sich sonst kein Freund von Granatäpfeln bin, vertilge noch ein zweites Stück. Trotz der ärmlichen Verhältnisse erleben wir erneut eine große Gastfreundschaft und sehen nur lachende Gesichter.

Bevor Luke uns wieder bei unserem Gastgeber ablieferte, zeigte er uns noch »seine Kirche« in Pallikkunnu. Ein Gotteshaus im schottischen Stil, noch aus der Kolonialzeit, mit fast 150 Jahren eine der ältesten Kirchen Keralas. Auf dem Friedhof davor sind zwei Arbeiter gerade dabei, die Gräber zu restaurieren. Damals wurden Engländer und Einheimische noch getrennt voneinander beerdigt. So ganz vereint im Glauben waren sie dann vielleicht doch noch nicht. Die Grabsteine damals seien aus Deutschland importiert worden, erzählt uns der Lokalhistoriker, sie hätten einfach die bessere Qualität gehabt.
Abends schließlich entdeckt Eberhard auf seiner Hose rote Flecken und vermutet, sich mit den Granatapfelstücken bekleckert zu haben. Er verschwindet im Bad und kurz darauf ertönt ein Schrei und Eberhard zeigt mir seine Wade. Ein alter »Freund« aus den feuchten Wiesen: ein Blutegel. Die roten Flecken waren von innen gekommen und die Stelle, wo der Parasit seinen gerinnungshemmenden Speichel abgesetzt hatte, wollte nicht aufhören zu bluten. Schließlich half ein gutes altes Pflaster.

Sonntag, 27. Oktober 2013

... in Indien (#12)

Teeplantagen und Gewürzstadt Kumili zum Zweiten
 
Am Dienstag trifft sich unsere ganze Gruppe »bei uns« (Eberhard und mir) auf der Teeplantage. Obwohl wir uns gerade mal einen Tag nicht gesehen haben, ist es herzliches Wiedersehen.
Gemeinsam absolvieren wir noch einmal das Besichtigungsprogramm, das Eberhard und ich bereits am Tag zuvor hatten. Nur der Teil Wald rund um den Stausee mit Sahu entfällt.
Die Gruppe erfährt nun, was wir am Tag zuvor schon gehört haben: Zu unserer Verwunderung sind die Teesträucher eigentlich Teebäume, die durch Beschnitt wie ein Bonsai auf Hüfthöhe gehalten werden. Sie werden bis zu 100 Jahre alt, wobei nach 70 Jahren die Qualität des Tees nachlässt. Für den Tee werden nur die oberen fünf Blätter der frischen Triebe geerntet. Die ersten vier bis fünf Jahre erfolgt die Ernte per Hand, danach mit einer Art Heckenschere. Doch auch hier hält der Fortschritt Einzug. Die neuen Plantagen werden so gepflanzt, dass die Sträucher nicht mehr scheinbar »wild durcheinander« wachsen, sondern in geraden Reihen. Diese kann man später mit einer speziellen Motorsense abernten. Wie sich an den Heckenscheren ein Auffangkorb befindet, hat die Motorsense einen über zwei Meter langen Auffangsack und wird von zwei Männern geführt.
Nach dem Mittagessen entschließen wir spontan nach Kumili zu fahren, der Gewürzstadt nahe des Grenzpasses, die bei unserem ersten Besuch wegen eines Streiks geschlossen war. Heute haben die Geschäfte alle geöffnet und wir decken uns wieder mit Gewürzen und Schokolade aus frischem Kakao ein. Also die Damen decken sich wieder mit Gewürzen ein. Was sie mit den Gewürzen von letzter Woche zwischenzeitlich angestellt haben, weiß ich nicht. Was ich mit der Schoki angestellt habe, dagegen schon.
 
Auf dem Rückweg teilt sich unsere Gruppe in zwei Hälften. Wir fahren zu viert mit
Referend Luke eine abgelegene Kirche besuchen. Der Pfarrer dort bietet uns Tee und einen Snack an, wie immer hier in Indien. Stolz zeigt er uns seine Familie, seine Ziegen, sein Hund, seine Hühner und seinen Dachgarten auf der Garage. Der Lohn ist wohl nicht besonders üppig und der nächste Laden ist weit, sodass der Pfarrer größtenteils Selbstversorger ist.
Danach geht es nach Einbruch der Dunkelheit zurück in unsere Kolonial-Villa in den Teeplantagen.

... in Indien (#11)

Der erste Tag im Tee
 
Auf dem Anwesen von Familie King inmitten der Teeplantagen beginnt unsere zweite Woche in Indien. Vor wenigen Tagen an unserem eigentlichen Ziel East Kerala angekommen, wurde unsere 10-köpfige Gruppe auf fünf kleine Teams aufgeteilt, die in verschiedenen Familien das Leben in Indien kennenlernen dürfen.
Mit Bediensteten, die den Fünf-Uhr-Tee servieren sind Eberhard Hampel und ich nicht unbedingt in dem Indien, das wir sehen wollen, doch gehört eben auch dies zum Subkontinent. Die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Teams werden am Ende der Reise zusammengetragen.
Wiegen der Tee-Ernte am Straßenrand
Nach dem Frühstück starten wir am Montagmorgen zu einer Besichtigung der Kardamom-Manufaktur und werden dann von unserem Fahrer Simon in die Teefabrik gebracht, in der wir eine Privatführung genießen. Wieder im Jeep zeigt uns Simon einen Teil der etwa 1 000 Hektar großen Plantage, auf der nicht nur Tee, sondern auch Pfeffer, Kardamom, Kakao und Kaffee wächst. Vanille würde hier auch wachsen, die Flächen werden derzeit jedoch anders genutzt, da der Marktpreis für Vanille derzeit einfach zu niedrig ist.
Tief in der Plantage treffen wir Sahu, der ab jetzt die Führung übernimmt. Eberhard und mich begeistert wiederum die Begeisterung, mit der Sahu uns vieles zu den Pflanzen, der Plantage und den Tieren erzählt. Wir essen Pfeffer direkt vom Strauch und Kardamom und naschen auch ein Stück Rinde, dass Sahu uns von einem Baum kratzt. Der Geschmack kommt uns bekannt vor, wir können ihn aber nicht zuordnen, unser indischer Begleiter kennt nur den englischen Namen und der sagt uns nichts.
Am Staudamm der Plantage treffen wir drei Männer, die dort ihr Lager aufgeschlagen haben, um zu fischen. Sie laden uns bald ein, eine Runde auf ihrem Bambus-Floß zu drehen. Ich lehne dankend ab, Eberhard, als alter Kanute, ist aber sofort dafür zu haben. Er schlägt sich auch sehr wacker und wäre erst beim Aussteigen fast noch baden gegangen.
»Check your legs!« sagt Sahu immer wieder zu uns und als wir ihn fragend anblicken greift er mehrmals wahllos ins Gras und hat jedes Mal einen sich windenden Blutegel zwischen den Fingern. Eberhard und ich checken jetzt ständig unsere Legs. Aber alles geht gut, keine blinden Passagiere im Jeep.
Am Nachmittag beenden wir unser Programm mit einem kleinen Spaziergang durch die Teeplantagen, beobachten und fotografieren die Teepflückerinnen, genießen die Landschaft, bei angenehmen 20 bis 25 Grad.