Samstag, 19. Oktober 2013

... in Indien (#6)

Im Nachtzug nach Madurai - Mit Indern im Gespräch

Den gestrigen Tag begannen wir mit einem letzten Gespräch mit dem Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit der Church of South India (CSI) in Chennai Mr. Solomon. Die Runde entpuppte sich schnell als Nachbearbeitung unserer Busfahrt am Tag zuvor (s. Reisebericht von gestern).


Typisch für die Gegend in und um Chennai:
der Haarschmuck der Frauen aus Jasmin-Blüten.
Nach dem Mittagessen hatten wir den restlichen Tag zur freien Verfügung und stürzten uns mit Tuk-Tuks in den wuseligen Verkehr Chennais. Im Tempelbezirk angekommen, gingen die Herren wieder auf Tuchfühlung mit den Menschen dort an ihren Marktständen. Eine Mutter mit Kind, die ich auf der Straßenseite gegenüber fotografierte, winkte mich herüber, holte ihr zweites Kind, posierte mit beiden Kindern für mich. Als sie nun sagte, dass sie »two more children« hätte, die sie holen wollte, entschuldigte und verabschiedete ich mich. Denn tatsächlich hatte ich den Anschluss an meine Gruppe verloren, die mittlerweile an einem Straßenstand Tee bestellt hatte. Tee, der nicht mit Wasser aufgebrüht wird, sondern direkt auf Milchbasis zubereitet wird. Unsere Damen waren derweil unterwegs, um zu shoppen in den kleinen Basarständen. Sie wurden von unserer indischen Begleiterin Sheela in die besten Läden geführt, um Stoff für Saris zu finden. Sheelas Verhandlungsgeschick beeindruckte meine Mitreisenden. Sie muss einen Händler sogar dazu gebracht haben, seine Mutter zu Hilfe zu rufen, um von Sheela nicht ganz über den Tisch gezogen zu werden.

Am Abend brachte uns ein Mitarbeiter des CSI zum Bahnhof von Chennai, wo wir im Schlafwagen des Nachtzuges nach Madurai reserviert hatten. Vor dem Bahnhof sprach ein Gepäckträger unseren Begleiter an. Sofort begannen die beiden zu verhandeln und kurz danach waren es etwa zehn Gepäckträger, die mit unserem Begleiter um den Preis feilschten. Die Abfahrt des Zuges im Nacken, das hektische, laute Verhandeln, hätte uns Europäern den Kopf platzen lassen. Unser gelassener Begleiter allerdings handelte einen guten Preis aus, einen Bruchteil dessen, was eine unserer Vorgängergruppen gezahlt hatte.

Warum wir nicht mit dem Flugzeug reisten, wurde unser Gruppenleiter Thomas Philipp von vielen Indern gefragt, die die Fahrt im Nachtzug nicht nachvollziehen konnten. Doch getreu seinem Motto »Immer rein ins Gewimmel, ihr sollt die Menschen kennenlernen«, kam nur die Fahrt mit dem Nachtzug in Frage. Gemeinsam mit Birgit, Stefanie und Kirsten teilte ich mir ein Sechser-Schlafabteil. Ja, zwei Plätze waren noch frei und da kam Thomas’ Strategie gleich zur Geltung. Im Abteil saß bereits ein Inder, der sich und seine Frau auf deutsch vorstellte. Ein Professor für Physik mit seiner Frau, einer Ingenieurin für Wasserbau. Nachdem der Professor die Namen unserer großen Physiker wie Einstein und Heisenberg aufzählte und sie als »geniale Köpfe« lobte, fragte er uns nach unseren Reisezielen und Ambitionen für die Reise. In Anspielung auf Pakistan und Indien fragte er nun, wie wir Deutschen die Wiedervereinigung verkraftet hätten, ob wir glücklich damit wären und welche Erfahrungen wir gemacht hätten. Der Professor selbst war nie in Deutschland, hat die Sprache in Indien gelernt.

Plötzlich fragte er uns, ob denn Adolf Hitler für uns ein Held sei. Wir verneinten dies und erklärten ihm, dass ein Massenmörder und Volksverhetzer, der so viel Leid über die Völker brachte, niemals ein Held sein könne. Der Professor nahm unsere Ausführungen ruhig zur Kenntnis, kannte die Gräueltaten der Nazis bereits und konnte deshalb wohl nicht verstehen, warum die Deutschen Hitler als Helden sehen und hatte noch einmal nachgefragt. Schließlich gab er zu, dass alle Deutschen, die er bisher danach fragte, dies bejaht hätten. Wir erklärten ihm, dass es sich hierbei um eine politische Minderheit in Deutschland handele und er wohl immer die falschen Deutschen erwischt hätte.

Mit einem freundlichen »Gute Nacht« schwang sich der betagte Professor wie ein Eichhörnchen ohne Hilfe einer Leiter in das oberste der drei Stockbetten und verschwand unter der dünnen Decke.

Als langsam Ruhe einkehrte im Wagen, wurden unsere Fahrkarten kontrolliert. Während ich Kirsten ärgerte und der Gehilfe des Kontrolleurs dies beobachtete und breit grinste, sorgte der »Chief Ticket Inspector« schnell für Ordnung und unterband jeden Spaß. Nach einer gewissenhaften fast viertelstündigen Kontrolle mussten wir 90 Rupi nachzahlen, weil sich die Preise seit der Buchung erhöht hatten.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

... in Indien (#5)

Women Industrial Centre und knapp 10 Stunden Busfahrt


So, zurück aus dem Gewimmel von Chennai zu Fuß und per Tuk-Tuk, habe ich jetzt eine halbe Stunde Zeit, den gestrigen Tag kurz zusammenzufassen.

Auf dem Weg zum "Women Industrial Centre" der CSI
beeindruckt uns das indische Straßenleben.

 
Nach dem Frühstück mit Fladenbrot aus Erbsenmehl und einer Soße aus Kokos, Knoblauch und Pepperoni, wie immer mit den Fingern zu essen, bestiegen wir unseren kleinen Bus (hessisch: Bussi) und fuhren Richtung Palmaner und Vellore. Die deutsche Entwicklungshilfe unterstützt das Projekt »Women Industrial Centre« in Palmaner, das von der Church of South India (CSI) betrieben wird. Dauern sollte die Hinfahrt etwa drei Stunden, nach etwas über vier waren wir dann dort. Nach indischen Maßstäben noch eine gute Zeit für eine Distanz von etwa 230 Kilometer.
Eine kleine Farm, mit einem fast kolonialen Herrenhaus, Feldern und Werkstätten mit angegliedertem Hostel für Mädchen. Die Mädchen, oft Halbwaisen, sollen hier zwei Jahre Nähen und Sticken lernen, den Umgang mit einem Computer sowie die Grundkenntnisse der englischen Sprache. Außerdem gehören auch Agrar-Projekte auf den umliegenden Feldern zu diesem Programm, auch Ackerbau ohne Chemikalien soll den jungen Frauen an die Hand gegeben werden.

Wie wir einen Tag später (heute) in der Nachbesprechung erfuhren, waren dort ehemals 300 Mädchen untergebracht und wurden ausgebildet. Wir trafen nur noch knapp 20. Die Gelder brechen weg und es lägen eine unprofessionelle Verwaltung sowie schlechte Marketing- und Verkaufsstrategien vor.

Die jungen Frauen lernen verschiedene Techniken
der Handarbeiten und Computergrundkenntnisse,
um von den Männern unabhängig zu werden.

Die 20 Mädchen, die wir trafen, zeigten uns einerseits scheu, andererseits mit Stolz ihre Arbeiten: Stickereien und Kleider. Zu den Stickereien gehörten auch Weihnachtsmotive und die in Deutschland so bekannten »betenden Hände« von Albrecht Dürer. Dabei fragte ich mich, ob die Mädchen je einen schneebedeckten Tannenzapfen gesehen hatten oder mehr über die »betenden Hände« wussten.

Zum Abschied sangen uns die Mädchen ein Ständchen, behängten uns schüchtern mit Blumenkränzen. Als wir aber im Bus saßen, kamen sie in kleinen Gruppen aus allen Richtungen gelaufen, stellten sich an den Rand des Weges zum Haupttor und winkten uns lachend und springen zu. Wir hatten versprochen, ihnen die Fotos, die wir von ihnen gemacht hatten, bald auf dem Postweg zuzuschicken. Der Drucker im dortigen Büro war nämlich defekt und würde es auch die nächste Zeit bleiben.

Auf dem Rückweg statteten wir dem Vice-Bischof Sathiyaraj einen Besuch ab, der uns begeistert vom dortigen »Vasantham Project« berichtete. Dieses Vorhaben bezeichnet ein neunstöckiges Büro- und Gewerbegebäude, dass von der CSI gebaut wird und anschließend durch die Mieteinnahmen Gewinne für die Arbeit der Kirche generieren sollte. Bei der Nachbesprechung am folgenden Tag (heute) kritisierten wir (die deutsche Delegation »Referend Philipp & Team«) dieses Vorhaben. Aus Erfahrungen mit dem einsetzenden Rückgang der deutschen Wirtschaftskraft bezweifelten wir, dass die Rechnung der CSI aufgehen werde und bezeichneten das Vorhaben als »finanziell riskant«.

Hier wird es langsam dunkel, bald ist es Zeit für das Dinner. Das letzte hier im Haus in Chennai. Um 20 Uhr startet unser Nachtzug nach Madurai, der Tempelstadt.


... in Indien (#4)

Der zweite Tag - viele Infos und zum ersten Mal Haut-an-Haut durch die Straßen
 
Nachdem ich zwei Tage nicht zum Schreiben kam, weil unser enges Programm oder die INet-Verbindung es nicht zuließ, hier nun der Bericht zum Montag:
 
Unser zweiter Tag in Chennai begann mit einer Andacht, vielen Infos und dann endlich auch eine Fahrt zu den Sehenswürdigkeiten Chennais.
Nach einer Morgenandacht mit allen Mitarbeitern des Gästehauses der Church of South India (CSI) hatten Referend Daniel und der Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit Mr. Solomon sich Zeit für unsere Gruppe genommen und uns in kurzen Präsentationen die Tätigkeiten und Projekte der CSI vorgestellt. Anschließen eröffneten wir die Frage- und Diskussionsrunde - natürlich alles in Englisch.
Angesprochen auf die zwei großen Schlagzeilen, die wir als Europäer aus Indien kennen, nämlich die Vergewaltigung von Frauen in der Öffentlichkeit und den Niedergang der indischen Wirtschaft. Zu den Vergewaltigungen erfuhren wir, dass die Opfer oft den »Dalids« angehörten, den Kastenlosen. Kastenlose in einer Gesellschaft der Kasten, Menschen, die oft nicht als Menschen angesehen werden und dann auch leicht zum bloßen Sexualobjekt werden.
Viele der Dalids wenden sich dem Christentum zu, weil sie dort Zugang zu einer Gesellschaft ohne Kasten finden, was jedoch die Probleme außerhalb dieser neuen Gemeinschaft nicht löst. Die CSI versucht durch verschiedene Projekte (s. Bericht morgigen Bericht) den jungen Mädchen und Frauen Selbstvertrauen, Bildung und Ausbildung zu geben, um sie selbstbewusst und unabhängig von den Männern zu machen. Diese Projekte werden teils von Ehemännern nicht gerne gesehen und die Kirche stößt hier auch auf Widerstände.
Neben diesen Tätigkeiten setzt sich die CSI auch für Agrarprojekte ein, um die einfachen Bauern von den Lizenzgebühren der Konzerne zu befreien. Schon eine Missernte treibt die kleinen Bauern oft in den Selbstmord. Außerdem fordert die Kirche gesundes, chemiekalienfreies Essen für die indische Bevölkerung.
Nach dem Essen besuchten wir die zwei einzigen touristischen Ziele Chennais, den St. Thomas-Hügel und die St. Thomas-Kathedrale. Dies waren auch die einzigen Orte, an denen wir bisher auf andere Ausländer stießen. Ansonsten sind wir hier »allein unter Indern«, wie es auch gedacht war. Auf dem Rückweg zum Gästehaus stand noch ein Besuch eines Hindu-Tempels auf dem Programm. Da der Bus im Verkehr stecken blieb, entschied Pfarrer Thomas Philipp: »Alle raus aus dem Bus!« - als Sheela, unsere indische Begleiterin und der Busfahrer hiergegen Bedenken äußerten, sagte Thomas: »Survival Training in India!« Als wir uns dann Haut-an-Haut durch die Mengen an den Straßenständen durchgekämpft und den Tempel besichtigt hatten und schließlich mit dem Bus wieder zurückfuhren, sagte Birgit, sie sei schon einmal in Indien gewesen, aber so nah sei sie dem wirklichen Leben hier nicht gekommen. Ihre Gruppe sei damals mehr behütet worden, Thomas’ Stil dagegen ist: Rein in die fremde Welt, zwischen die Menschen!
In diesem Sinne werden wir am Mittwoch auch nicht nach Kochi fliegen, sondern den Nachtzug besteigen, um auch dieses »Feeling« einmal zu erleben.
Doch zuerst kommt morgen der Bericht über unseren Besuch der kirchlichen Projekte auf dem Land.

Sonntag, 13. Oktober 2013

... in Indien (#3)

Der erste Tag - Ankunft und Land - auf die Schnelle

Das Thema, dass uns in diesem Jahr an die Hand gegeben wurde, heißt "Demografischer Wandel global". Doch bevor wir uns daran machen können, die uns gestellten Fragen zu beantworten, mussten wir heute die neue Welt kennenlernen, in der wir uns die nächsten Wochen zurechtfinden müssen. Zugegeben, auf dem Zwischenstopp in Neu-Delhi und der Fahrt vom Flughafen Chennai bis zum Gästehaus der CSI (Church of South India) haben wir noch nicht viel vom Land gesehen haben, erlebten dennoch schon vieles dessen, was für diesen Subkontinent typisch sein soll.

Bei der Ankunft in Neu-Delhi war die Stadt durch den Dunst nur schlecht zu erkennen. "Der typisch SMOG in Delhi", erklärte Thomas Philipp, der schon mehrere Male hier war. Im Tansitbereich des Flughafens wirkte es international, westlich, erinnerte kaum etwas an Indien. Wenn ich da nach der Landung aus dem Airbus heraus nicht einen Flughafenbediensteten gesehen hätte. Dieser saß an einem scheinbar selbstgezimmerten Schreibtisch, unter einem Wellblechdach, gehalten von vier geraden Stöcken an jeder Ecke, mitten auf einem schmalen Grünstreifen zwischen zwei Rollbahnen. In Deutschland undenkbar. Auf dem Weiterflug innerhalb Indiens war der Ausländeranteil der Fluggäste ebenfalls bei etwa 10 bis 20 Prozent. Allerdings waren wir jetzt die Ausländer zwischen vielen Indern.

In Chennai angekommen, nahm uns Sheila von der CSI am Flughafen in Empfang. Der kleine Bus hatte einen Platz zu wenig. Sheila und ihr Busfahrer entgegnen nur fröhlich: "No problem!" Dies kommentiert Winfriede, die ebenfalls schon Zeit in Indien und Buthan verbrachte mit: "Das werden wir noch oft hören!"

Im Gästehaus des CSI kam es dann auch beim ersten gemeinsamen Tee-Trinken zu einem der berüchtigten Stromausfälle. "Hat irgendjemand seine Taschenlampe dabei?" - Nein, alle noch im Koffer. Ab jetzt hat sie aber bestimmt jeder bei sich, nach Einbruch der Nacht.

Vor dem Abendessen unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang "um den Block", passierten dabei Bettler und Straßenhändler, um in ein glitzerndes Einkaufszentrum zu gelangen, dessen Gegenstück an Größe und Prunk man im Rhein-Main-Gebiet vergebens sucht.

Passieren mussten wir dabei auch die vierspurige Straße, zweimal. Ohne Ampel und ohne Rücksicht. Ohne Rücksicht unsererseits auf den scheinbar unkontrollierten Verkehrsfluss. Einfach loslaufen, die bremsen schon. Langsam und gleichmäßig laufen, dann könnnen die Fahrer unsere Bewegungen einschätzen und bremsen schon ab. So war es dann auch. Trotzdem wird einem Europäer mulmig, wenn zwei vollbesetzte Linienbusse hupend auf einen zufahren und erst bremsen, wenn sie merken, dass der Fußgänger nicht stehenbleibt.

Das Essen selbst, Chicken Madras mit Fladenbrot, wurde mit den Fingern zu sich genommen. Die glitschigen Kichererbsen wollten sich mit der Soße vermischt nicht unbedingt freiwillig in die Fladenbrote einrollen lassen und so gab es hier und da ein bisschen Schweinerei.

Nach einer kurzen Nachbesprechung im Innenhof des Gästehauses machen wir uns jetzt frisch und springen in die Betten, denn morgen beginnt unser planmäßiges Programm. Einen groben Eindruck von diesem Land haben wir heute schon bekommen und sind gespannt auf die nächsten Tage.

Achja: Gerade habe ich meinen Koffer geöffnet, mein Duschzeug herausgeholt und war duschen (d. h. ich habe mir bei einer gartenschlauchartigen Brause mit einem kleinen Schöpfer Wasser über den Kopf gegossen), komme zurück, ziehe ein Unterhemd aus meinem Koffer, und da krabbelt eine fast daumengroße Kakerlake meinen Arm hinauf. Ich zucke, sie springt ... leider wieder in den Koffer. Hoffentlich krabbelts morgen nirgends in der Hose ... ich bin jetzt wohl wirklich in Indien ;)

Freitag, 11. Oktober 2013

... in Indien (#2)

Der Tag des Abflugs naht. Was erwartet meine Gefährten und mich? Ein schöner Urlaub? Sicher nicht ...

Nein, ein Urlaub wird das sicher nicht, auch wenn es morgen für drei Wochen in das »Land der Kokospalmen« geht. Im Reisegepäck der zehnköpfigen Gruppe aus Wetterau und Vogelsberg finden sich nämlich nicht Badehose und Strandschmöker, sondern Fragebogen, Bilder vom eigenen Dorf, Familie und Arbeitgeber und viel Neugier.

Der Partnerschaftsausschuss der Evangelischen Dekanate Alsfeld, Büdingen, Nidda und Vogelsberg hatten für diesen Herbst wieder zu einer Partnerschaftsreise nach East-Kerala in Südindien eingeladen. Ziel der Partnerschaft ist das gegenseitige Kennenlernen und auch das Lernen voneinander. Ohne erhobenen Zeigefinger zu seinen eigenen Ansichten stehen, die Ansichten des Gegenübers aber trotzdem zu respektieren; dazu zählt etwa, den evangelischen Partnern in Indien zu zeigen, dass in Deutschland auch protestantische Pfarrerinnen predigen, es dann aber zu akzeptieren, wenn die Partner dabei bleiben, dass in Indien nur Männer predigen dürfen.

Deshalb ist es wichtig, dass die zehn Teilnehmer der Fahrt Fotos von ihren Familien und Arbeitsplätzen und dem Dorfgeschehen in die Koffer packen. Diese Bilder sollen zeigen, wie man »bei uns« lebt und welche Stellung die Frau in unserer Gesellschaft hat, doch auch, wie unser Leben und unsere »Welt« im Gesamten ablaufen. Außerdem erleichtern es die Bilder, mit den indischen Gastgebern in Kontakt zu kommen, denn sie sind furchtbar neugierig auf alle Fotos und Neuigkeiten aus fremden Ländern. Für sie sind wir die »exotische, abenteuerliche Welt«. Daran kann man erkennen, dass es stets verschiedene Ansichten gibt und man sich davon lösen sollte, unsere »westliche Sicht der Welt« als einzig wahre zu sehen. Offen sein für andere Anschauungen, sie respektieren und auch Teile davon mit in unsere Gesellschaft nehmen. Denn der Sinn einer Partnerschaft ist der Austausch, nicht das Belehren.

Wie anders diese Welt ist und wie zerrissen der große Nationalstaat Indien bis heute ist, zeigte sich schon bei den Reisevorbereitungen. Denn eine geplante Fahrt mit dem Nachtzug von Chennai (früher Madras) gen Süden, stand zeitweise auf der Kippe. Denn Nachbarstaat Tamil Nadu stritt »wieder einmal« mit East-Kerala um Wasser und deshalb waren die Grenzen geschlossen worden. Für die Reiseteilnehmer klang das, als habe Hessen die Grenzen zu Bayern dichtgemacht und beide Bundesländer stünden kurz vor der Mobilmachung. Nun sind die jedoch Streitigkeiten beigelegt, kann die Reise der hessischen Gruppe wie geplant stattfinden. Nach einer Zwischenlandung in Neu-Delhi kommen die Reisenden in Chennai an der Ostküste an, »genießen« dort das unvorstellbare Chaos einer indischen Großstadt, reisen mit dem Nachtzug nach Süden, steigen schließlich in einen Kleinbus um, der sie wieder nordwärts nach East-Kerala bringen wird. Auf der Reise innerhalb Indiens sollen die Hessen in Kontakt mit den Einheimischen kommen und auch die verschiedenen Kulturen innerhalb des Landes kennenlernen. So ist in Kerala, wo viele Christen leben und der Bildungsstand verhältnismäßig hoch ist, das für Indien typische Kastenwesen eher schwach ausgeprägt, in anderen Landesteilen jedoch noch sehr stark. Dies beeinflusst auch die Arbeit der christlichen Kirchen aber ebenso die gesamte Gesellschaft. Das Reiseziel selbst, East-Kerala, ist eigentlich mehr das Land der Teeplantagen als der Kokospalmen, was mehr auf den westlichen Teil Keralas zutrifft. Im Vergleich zur Großstadt ein Hort der Ruhe, für die Europäer aber sicherlich noch immer ein bisschen chaotisch und vor allem »ganz anders«.

Untergebracht sind die Hessen in Kerala eine Woche lang im Haus des Bischofs Dr. K. G. Daniel, von wo aus sie geführte Tages- und Halbtagstouren starten. Zuvor allerdings sind sie als Zweiergruppen einzelnen Familien zugeteilt und verbringen dort eine Woche im »wirklichen Indien«. Dabei kann es sein, dass man eine gut betuchte Familie besucht, die fließend Wasser, Strom und sogar Internet besitzt oder eine Gastfamilie findet, die abends die Kerze an Bett bringt und zum Waschen morgens einen Eimer bereitstellt. Auf alle Fälle jedoch wird man eine Art »Attraktion« sein und vielleicht auch von seinen indischen Gastgebern als »unser Europäer« vorgestellt. Ebenfalls sicher ist, dass die Europäer gemeinsam mit den indischen Partnern Gottesdienste gestalten und unter Umständen auch die eine andere Rede zu Hochzeiten oder auch Beerdigungen oder sonstigen Anlässen halten müssen - auf Englisch, versteht sich.

Der Streit zwischen dem wasserreichen Kerala und seinem Nachbarn Tamil Nadu lassen auch die Probleme der Zukunft erkennen, wenn es wahrscheinlich zu Kriegen um Wasser kommen wird. Doch so weit wollen die Evangelischen Dekanate nicht blicken, sie geben den Reisenden einen Fragebogen zum »Demografischen Wandel« an die Hand. Ein Problem, das uns in Deutschland sehr beschäftigt. Ist es auch ein Problem in Indien? Welche Folgen verbinden wir damit, wie etwa eine schlechte Infrastruktur aufgrund des Aussterbens der ländlichen Region. Gibt es diese Infrastruktur in Indien überhaupt? Gibt es den demografischen Wandel und wenn ja, wie wird er sich auf das völlig anders ausgerichtete Indien auswirken? Mit diesen Fragen sollen sich die Reisenden außerdem beschäftigen und berichten.

Berichten von ihrer Reise werden sie täglich auf dem Indien-Blog der Erwachsenenbildung Vogelsberg (http://www.eb-vb.de) und zusätzlich werde ich meine persönlichen Eindrücke hier veröffentlichen - soweit es die Technik zulässt.

 
Die Gefährten (frei nach Tolkien)
Zu den Teilnehmern der Partnerschaftsreise der Evangelischen Dekanate Alsfeld, Büdingen, Nidda und Vogelsberg gehören:

Birgit Ebert aus Alsfeld - Logopädin, Mutter von drei Kindern, vor 25 Jahren übernahm sie die erste Patenschaft der Kindernothilfe für ein Mädchen aus Indien, seitdem wächst die Neugierde auf das Land, bereits 2001 nahm sie an der Partnerschaftsreise teil und sagt seither: »Indien ist voller Gegensätze, die Vielfalt in allen Bereichen des Lebens, der Kulturen und Religionen ist unermesslich«. Sie will die deutsch-indische Partnerschaft unterstützen und über die Reise in den Gemeinden berichten.

Kirsten Emmrich aus Büdingen - Mutter, tätig im Kirchenvorstand, ist schon seit Jugend an interessiert an Indien, beherbergte beim Besuch der indischen Delegation Bisch Dr. Daniel und freut sich nun, an der Reise teilnehmen zu können, sie gibt zu, dass das Indien aus den Medien sie anziehe und abstoße gleichermaßen, nun wolle sie sich durch die Reise ein eigenes Bild machen und ist sehr neugierig.


Stefanie und Dietmar Patt aus Ortenberg - Dietmar Patt, tätig in der Chemischen Industrie, hatte als Vorsitzender des Dekanats Büdingen schon oft mit der Partnerschaft zu tun, war jedoch noch nie dort, ist jedoch gespannt auf die Menschen dort und wie sie mit Problemen umgehen, die wir vielleicht auch haben, hofft darauf neue Ideen und Lösungen mitzubringen. Stefanie Patt, Dipl.-Geologin/Lehrerin wurde von ihrem Ehemann gefragt, ob sie Lust hätte, ihn auf der Partnerschaftsreise zu begleiten. Für sie war das alles immer weit weg, freut sich jetzt jedoch auf freundliche Menschen in farbenfrohen Gewändern, Gewürzduft, Elefanten und Kokospalmen.

Eberhard Hampel aus Nidda - evangelischer Pfarrer in Geiß-Nidda und Bad Salzhausen ist Vertreter des Dekanats im Partnerschaftsprogramm und möchte dessen Arbeit vor Ort kennenlernen. Bereits seit seinem Vikariat interessiert er sich für ökumenische Themen.

 
 
 
Winfriede Fuhrmann aus Gemünden - Krankengymnastin, Mutter einer Tochter, war vor acht Jahren bereits im Rahmen der Partnerschaft in Indien, ist neugierig darauf, wie sich die Gemeinde seither entwickelt hat, freut sich darauf, Freunde und Bekannte wiederzusehen und möchte ein Hostel besuchen, um zu sehen, wo die Gelder der Entwicklungshilfe hinfließen. Besonders freut sich sich auf gemeinsame Gottesdienste in vollen Kirchen und das indische Essen.

 
Elvira Elisabeth Savioli aus Deidesheim, früher Ortenberg - Sozialarbeiterin, war bereits als Studentin 1992 längere Zeit in Nordindien und fasziniert und erschrocken zugleich von den Gegensätzen dort, 2005 nahm sie bereits an einer Partnerschaftsreise teil, sie begrüßt das Engagement der Kirche für die Frauen in Indien, deren Lebensfreude trotz widriger Lebensumstände immer wieder auf sie übersprang, sie ist dankbar für die Begegnungen dort, die ihr die Gelassenheit haben, die Dinge hinzunehmen, die sie nicht ändern kann, aber auch die Kraft, für die zu kämpfen, die sich ändern können.

Bertram Philipp aus Lautertal - Vater und selbständiger Bauunternehmer, betreibt seit Jahren selbst Yoga und möchte nun in das Land reisen, in dem dessen Wurzeln liegen, er ist neugierig auf eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde und wie die verschiedenen Kulturen und Religionen dort miteinander leben, möchte mehr darüber erfahren, wie das Christentum das Kastenwesen in Kerala außer Kraft setzen konnte, er glaubt, dort funktioniere das Gebot der christlichen Nächstenliebe im Zusammenleben der Kasten sehr gut und möchte sich auch dies anschauen.

Thomas Philipp aus Ranstadt - Evangelischer Pfarrer in Ranstadt und Inhaber der Profilstelle Ökumene innerhalb des Dekanats mit Schwerpunkt »Partnerschaftsarbeit«, er fährt nun zum 5. Mal nach Kerala, ist Mitorganisator der Reise, er freut sich darauf, alte Bekannte und Freunde wiederzutreffen, jeder Besuch in Indien ist eine Bereicherung für ihn und eine Chance, die Kirche Jesu Christi nicht nur in die Dörfer East-Keralas zu tragen, sondern auch in die Dörfer Oberhessens.

Marc Stephan aus Echzell - Justizbeamter und freier Mitarbeiter bei Wetterauer Zeitung und Kreis-Anzeiger, er interessiert sich für Indien, seit der damalige Bischof East-Keralas ihn und andere Konfirmanden auf einem der Delegationsbesuche eingeladen hatte, er hofft nun die Menschen und die Gesellschaft dort kennenzulernen und mit einer Fotoreportage den Austausch zwischen den Partnergemeinden zu unterstützen.